19 Jan

Muss Leidenschaft Leiden schaffen? – Mein gefühlsstarkes Kind

Eines meiner Kinder wurde von uns immer „Anfängerbaby“ genannt, weil es im Gegensatz zu den anderen Kindern im ersten Lebensjahr stets fröhlich war, oft mit sich selbst zufrieden und vor allem einfach einschlief – überall, immer. Auf der Babydecke beim Spielen, zwischen tobenden, größeren Kindern in der Turnhalle, auf der Picknickdecke am Spielplatz, während der Eingewöhnung des Größeren inmitten der Kindergartengruppe. Ohne Tragen, Schuckeln, stundenlanges Helfen. Die Kinderärztin kommentierte dies allerdings mit dem Satz: „Die holt nur Luft!“ Und genauso war es auch!

Die Leidenschaft brach sehr bald aus ihr heraus! Wutanfälle wechselten sich ab mit überschwänglicher Begeisterung. Extremes Nähesuchen bei Fremden trat neben geschickter, früher Mobilität auf und war besonders. Ehrgeiz und ein ziemlicher Dickkopf waren großartig – und anstrengend. Sie schlief rasch viel weniger Stunden pro Tag als unsere anderen beiden Kinder und eigentlich nie richtig tief. Das Erkunden der Welt mit allen Sinnen verstärkte sich und trat beim Spielen, beim Essen, beim Matschen und Baden auf; Hände, Mund, fühlen, kneten, spüren, zerdrücken… alles fand intensiver statt als bei anderen Kindern und forderte unsere Geduld über die Jahre oft heraus – zeigte uns aber auch Facetten der Welt, die wir alleine nicht wahrgenommen hätten.

Der Umgang mit Angst, Neuem, Autonomie, Spaß und Frust geschah immer mit Paukenschlägen. Und sobald dies außerhalb unserer vier Wände geschah und familienfremde Personen es mitbekamen, kam es auch zu den ersten unangenehmen Momenten: wenige, großartige Menschen zeigten Verständnis und sogar Begeisterung für unser Kind; die meisten waren irritiert, suchten Erklärungen, fanden ihren Freiheitsdrang und ihre Energie anstrengend – und suchten sogar Abstand.

 

Die Probleme vor der Tür

Wir wurden gebeten, Institutionen oder Kurse zu verlassen. Als sie im Kindergarten biss, sollten wir gehen, anstatt dass Nähe und Bindung zu ihr gesucht wurden. Wir wurden von manchen Leuten nicht mehr eingeladen. Spielverabredungen endeten damit , dass ich mein Kind beim Abholen vor einem Fernseher geparkt fand, weil ihre Wildheit anders nicht einzudämmen gewesen sei. Unser Kind war dasjenige, bei dem andere die Augenbrauen hochzogen, das oft keine Gegeneinladungen zu Kindergeburtstagen bekam und das bei Gruppenspielen häufig alle Kinder gegen sich aufbrachte.

Aber: unser Kind war manchmal auch das Kind, das auf dem Spielplatz alle Kinder für sich gewann; sie hatte grandiose Ideen und steckte mit ihrem Enthusiamsmus alle an. Sie war auch das Kind, das von manchen Familien besonders gerne eingeladen wurde, weil diese wussten, wie sie gut mit ihr umgingen, weil diese ihr Temperament bewunderten – und manchmal auch, weil diese selbst ein ähnliches Kind hatten.

Für uns war die Intensität ihrer Emotionen oft eine Herausforderung. Manchmal mochte man fast verzweifeln, andere Male hätte man am liebsten begeistert und verliebt gelacht – aber es war nicht immer angebracht.

  • Zum Beispiel als sie neu im Kindergarten war und die größeren Jungs, die sie nicht mitspielen lassen wollten, ziemlich heftig „parat“ machte.
  • Zum Beispiel als sie im Kindergarten einen eher ruhigen Freund fand und der Umgang der beiden an ein altes, zickiges Ehepaar erinnern ließ.
  • Zum Beispiel als sie in der Grundschule den Eintrag bekam, sie habe stur auf einer Mauer gesessen und sei nicht herunter gekommen.

Schimpfen? Nein. Möglichst nicht! Erklären, andere Wege überlegen, und ja: auch mal lachen!

 

So liebenswert!

Immer häufiger fielen uns die positiven Seiten ihrer Gefühlsstärke* auf: ihre Empathie entwickelte sich rasant und grandios. Sie spürte genau, wem es wie ging und was er brauchte. Sie half Freunden und wildfremden Kindern immer auf genau die richtige Art und Weise. Da war sie sanft und bedacht und fand Freunde!

Unser Kind zeigte sich nicht nur charmant, fröhlich-ansteckend und enthusiastisch, sondern auch grüblerisch und kam dabei auf spannende Fragen und Gedankengänge.

Sie zeigte rasch große Talente im Tanzen, Singen, Malen und Basteln. Eine einmal gehörte Melodie konnte sie stets korrekt wiedergeben. Beim Kreativsein konnte sie stundenlang ruhig da sitzen und sich konzentrieren; sie erschuf Bücher, Holzfiguren und Acrylgemälde, und alles waren wichtige Ausdrucksmöglichkeiten für sie. Lesen wurde eines ihrer größten Hobbys und ein guter Ausgleich; die Inhalte der Bücher fühlt sie mit, muss sich über all‘ die Emotionen und Verwicklungen austauschen, lebt in den Geschichten.

All‘ dies Großartige fiel auch anderen Menschen auf. Besonders ruhige Kinder suchten ihre Nähe. Therapeuten aus den Bereichen Logopädie und Ergotherapie arbeiteten gerne mit ihr, weil sie herausfoderte und soooo viel zurückgab. Dort erlebten wir die ersten Gespräche mit dem Tenor „Was für ein großartiges Kind“!

Und: wir trafen immer öfter andere Menschen mit eben solchen Kindern, und der Austausch war für alle Seiten eine Bereicherung!

 

Schule

Das Schulsystem kam mit dieser Großartigkeit von Anfang an eher schlecht zurecht. Oft landete unser Kind in einer Schublade: defizitär, aufmüpfig, unkonzentriert, regelwidrig, laut, fordernd, anstrengend!

Dabei war es gar nicht so schwer, sie zu begeistern, zu erden und zu erreichen. Man musste sie nur zu lesen wissen und erkennen, wie man ihr eine Hand reichen konnte. Wir Eltern übersetzen sie für alle Lehrer, die dazu bereit waren, sich auf sie einzulassen. Sie brauchte einen Platz weit vorn im Klassenzimmer, möglichst allein. Einen aufgeräumten Tisch. Klare Anleitungen. Systematisches Lernen. Sie brauchte Kanalisierungshilfe bei ihrem Enthusiasmus, so dass sie Begeisterung und Kraft in Referate, Lesevorträge oder Plakate stecken konnte, um so auch mal einen Test herauszureißen, der wegen Konzentrationsproblemen misslungen war. Sie brauchte Lehrkräfte, die ohne Vorurteile und ohne althergebrachte Bravheitsvorstellungen auf sie zugingen und ihre Talente erkannten und nutzbar machten.

Zum Glück gab und gibt es die immer wieder! Sie hören uns zu und arbeiten hart und grandios mit unserem Kind. Immer mal wieder hören wir an verschiedenen Punkten im System, sie sei gänzlich „falsch hier“ – aber unser Kind ist nicht falsch! Es ist großartig, so wie es nun mal ist. Wir müssen unserem Kind nur eine Hand reichen und dabei helfen, den eigenen, besten Weg zu finden!

 

Ausblick

Jetzt ist unser gefühlsstarkes Kind in der Pubertät angekommen. Sie ist ein bisschen „ruhiger“ geworden, ein wenig überlegter, kommt besser mit Unerwartetem zurecht, kann sich etwas besser organisieren. Sie kann sich erstaunlich stark zurücknehmen und kommt inzwischen mit Menschen klar, mit denen dies früher undenkbar gewesen wäre ohne Explosionen. Wir sind gespannt, was die nächsten Jahre an Leidenschaft mit sich bringen werden. Wenn sie jetzt – ohne Herzschmerz selbst zu kennen – alte Roxette-Klassiker mitfühlend mitsingt und Fragen stellt, die andere mit 25 noch nicht in ihre Welt lassen, lässt sich erahnen, dass es intensiv weitergehen wird. So viele Farben liegen in ihr!

Wir schauen begeistert zu, gehen engagiert mit – und lieben jede einzelne Faser unseres Kindes!

IH

*Der Begriff „gefühlsstarke Kinder“ wurde von unserem Vereinsmitglied Nora Imlau geprägt. Ihr Buch zum Thema „So viel Freude, so viel Wut“ erscheint im Frühjahr 2018.

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