28 Nov

Was wollen die AP-„Jammermamas“ überhaupt?

Es kreist mal wieder ein (alter) Artikel herum, in dem etliche Male „Attachment Parenting“ auftaucht und viel Kritisches zur Sprache. Manches ist berechtigt, anderes möchte ich unbedingt von einer anderen Warte aus betrachten. Denn für mich zeigt der Artikel nicht nur mit dem Finger auf ein Problem (was ja gut ist), sondern macht auch gleich einen Schuldigen aus (die Mütter! – ja die Mütter unter Druck, aber dennoch DIE MÜTTER), und das ist mir zu simpel. Da diese Sichtweise nicht nur in diesem einen Text vorkommt, sondern mir verschiedentlich immer wieder begegnet, möchte ich das mal ein bisschen besser einkreisen.

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05 Nov

Auf die Haltung kommt es an

Auf Twitter wird mir ein Video in die Timeline gespült. Es zeigt eine Familie mit mehreren Kindern. Eines der Kinder hat offensichtlich Geburtstag und versucht, die Kerzen auf dem Kuchen auszupusten. Sein kleines Geschwisterchen, vielleicht zwei Jahre alt, will mitpusten. Der Vater steht hinter den Kindern und hält dem Kleinen immer dann einen Pappteller vors Gesicht, wenn er anfängt zu pusten. Das Kind schreit und tobt immer heftiger. Der Vater grinst in die Kamera.

Ich sehe etwas anderes als die anderen

Ich reagiere sehr spontan mit geradezu körperlichem Unwohlsein: Ein dicker Knoten aus Mitleid und Wut bildet sich in meinem Bauch. Ich schaue in die Kommentare: Sehr viele Lachsmileys. Ich sehe auf den ersten Blick keine Kritik. Wir sehen also offenbar ganz unterschiedliche Dinge. Denn würden die anderen das sehen, was ich sehe, würde wohl kaum jemand darüber lachen.

Was also sehen die anderen? Ich stelle mir vor, dass sie ein tobendes Kleinkind sehen, das unangemessen heftig reagiert und in dieser Heftigkeit lächerlich wirkt. Vielleicht sehen sie auch Eltern, die ganz cool und lässig mit diesem Wutanfall umgehen. Klar, so ist es am besten: drüber lachen! Humor hilft doch in schwierigen Momenten, oder nicht?

Wut ist die Spitze des Eisbergs

Was sehe ich? Ich sehe ein verzweifeltes Kleinkind, ohnmächtig in seiner Wut. Niemand geht mit diesem Kind in Verbindung, niemand zeigt Mitgefühl. Der Vater führt sein Kind vor. Immer wieder grinst er beifallheischend in die Kamera. Der Rest der Familie wirkt unbeteiligt. Dieser kleine Kerl ist wirklich völlig allein mit diesem ihn überschwemmenden Gefühl. Ja, er wird dabei sogar gefilmt und das Video danach online gestellt, zur Belustigung der ganzen Welt.

Naja, könnte man jetzt einwenden, es ist halt ein Wutanfall, weil er nicht bekommt, was er will. So sind kleine Kinder eben, das muss man mit Humor nehmen. Es ist doch nur Wut. Wut ist aber kein primäres Gefühl. Hinter Wut stecken immer andere Gefühle: Schmerz, Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht – oft eine bunte Mischung aus diesen Emotionen. Die Wut ist nur die Spitze des Eisbergs, das sichtbare Verhalten. Wenn ich das weiß, wirkt die kindliche Wut gleich viel weniger lächerlich. Sie ist Ausdruck höchster Verzweiflung.

Auf die Haltung kommt es an

Schaffe ich es, mit jedem Wutanfall meiner Töchter (4 und 1,5) ideal umzugehen? Immer geduldig und zugewandt? Hell no. Manchmal werde ich laut, manchmal gehe ich aus dem Zimmer, manchmal bin ich schrecklich genervt. Es geht mir sicher nicht darum, dass wir Eltern immer perfekt sein müssen.

Aber ich wünsche mir eine Haltung kleinen (und großen) Menschen gegenüber, die negative Gefühle ernst nimmt. Ich kann deinen Schmerz vielleicht nicht nachvollziehen, aber ich sehe ihn. Ich erkenne ihn an. Ich lache nicht über ihn.

Das übe ich übrigens auch bei mir selbst, und das ist vielleicht das Schwierigste: Auch meine negativen Gefühle sind valide. Ich sehe sie. Ich rede sie nicht klein. Ich rationalisiere sie nicht weg. Ich nehme sie an. In der Hoffnung, dass ich diese Haltung auch meinen Kindern vermitteln kann.


Dieser Text stammt von Neumitglied Stephanie Siebert.

Sie wurde am 4. Juni 1981 in Niedersachsen geboren und lebt mittlerweile mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Nürnberg. Nach ihrem Studium der Germanistik mit Schwerpunkt Journalistik in Bamberg war sie 14 Jahre lang Redakteurin bei der Nürnberger Zeitung. In dieser Zeit kamen auch ihre beiden Töchter zur Welt, und sie beschäftigte sich zunehmend mit bindungs- und beziehungsorientierter Elternschaft. Seit 2014 ist sie als @das_weib bei Twitter und steht dort in regem Austausch mit anderen Eltern.

2020 war dann in mehr als einer Hinsicht ein Jahr des Umbruchs: Steffi unterschrieb einen Aufhebungsvertrag, begann eine Ausbildung zur systemischen Beraterin (DGSF) und eine Weiterbildung zur bindungs- und beziehungsorientierten KBV-Kursleiterin bei Bindungsträume-Mitglied Katharina Saalfrank.  Ihr Ziel ist es, Eltern zu beraten und zu begleiten bei allen Fragen, die sich im Alltag stellen: Vereinbarkeit, Aufgabenverteilung, Partnerschaft, Er- bzw. Beziehung, persönlicher Freiraum und alles, was sie sonst noch bewegt. Und darüber schreiben möchte sie außerdem – unter anderem hier.

23 Jun

Unerzogenes Leben – Selbstaufgabe?

Sind „unerzogen“, „nicht erziehen sondern das Kind begleiten“, und auch „Attachment Parenting“ wirklich einfach mit Chaos gleichzusetzen? Mit Selbstaufgabe der Eltern? Und schaffen sie die „Tyrannen“ von Morgen?

Wenn Dein Kind auf dem Sofa springt, und es ist okay für Dich (Hey, das ist eh oll. Oder hält es gut aus.), wenn Dein Kind mit Fingerfarbe auf die Wände malt, und es ist okay für Dich (Bunt ist schön!), wenn Dein Kind das Auto mit Sand aus seinem Schuh vollkippt, und es ist okay für Dich (Saugen wir nächstes Mal raus. Stört keinen!) – dann

  • kannst Du es ruhig so zulassen,
  • dann kannst Du das Kind es selbst sein lassen,
  • dann hat es genug Wurzeln bekommen, um sich frei für solche Wege entscheiden zu können,
  • dann bekommt es von Dir Begleitung und vor allem Flügel, m seinen Weg zu gehen,
  • dann stehst Du größer, liebevoll, weiser daneben, hast Dir alles gut überlegt und Ihr seid in guter Verbindung.

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28 Mai

Attachment Parenting in der Großfamilie? Unmöglich!!?

Ich werde häufiger gefragt, ob Attachment Parenting mit mehreren, also auch so richtig vielen Kindern in einer Großfamilie möglich sei. Drei, vier, fünf, sechs, sieben Kinder – wie soll das gehen?

Meist fragen Familien mit einem oder zwei noch sehr kleinen Kindern, die oft auch noch am Beginn ihres AP-Weges stehen, ihre Positionen suchen, ihre Haltung hinterfragen, Inspiration wünschen, sich viele Gedanken machen, nicht alles richtig erfassen können. Ich selbst habe ähnlich begonnen, bin meinem Herzen gefolgt, habe erst danach Begrifflichkeiten entdeckt. AP hielt ich erst für einen Katalog zum Abhaken: Familienbett, Langzeitstillen, Tragen… Doch mit dem Wachsen meiner Kinder und dem vermehrten Austausch mit anderen, inspirierenden Eltern, fand ich meine Definition:

Es geht gar nicht um das WAS, sondern nur um das WIE.

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30 Okt

Gastbeitrag: Unsere Kiga-Eingewöhnung

Alle Eltern kennen diesen Zwiespalt bei der ersten Eingewöhnung: Man gibt sein Kleinkind im Kindergarten oder in der Kita zum ersten Mal für längere Zeit in die Obhut eines fremden Menschen. Wie soll man damit umgehen? Was macht das emotional mit einem? Erst recht, wenn das eigene Kind beim Bringen dann noch weint. Gleichzeitig ist dieser fremde Mensch in seinem Tun ausgebildet: Er hat jahrelange Erfahrung im Umgang mit Kindern, davor eine mehrjährige Ausbildung absolviert. Und trotzdem ist da die leise Stimme in einem selbst: Aber diese fremde Person kennt eben mein Kind nicht.

In diesem Beitrag erzählt eine Mutter von ihren Erfahrungen zum Thema Eingewöhnung. Und sie schildert diesen Ablauf bei ihrer Tochter, als diese im Freien Aktiven Kindergarten Stuttgart anfing. Genau so – und doch jedesmal etwas anders – laufen alle Eingewöhnungen im dort ab. Denn jede Eingewöhnung ist ein neues Abenteuer: für das Kind, die Eltern und die Begleiter.

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20 Okt

Gastbeitrag: Frau Kleinkind geht ihren Weg

Immer wieder erleben wir Bindungsträumer Eltern, die unsicher sind auf ihrem bindungs- und beziehungsorientierten Weg. Weil das manchmal einfach hochkommt, weil der Weg so ein Probieren und schritteweises Tasten ist, weil ihr Umfeld sie verunsichert und ihnen „Schuld“ gibt für Verhaltensweisen ihrer Kiner, die gesellschaftlich teilweise nicht so erwünscht sind o.ä. Diese Eltern brauchen Rückenstärkung, die sie sich auf ganz unterschiedliche Weise suchen, die ihnen manchmal sogar einfach nur die Kinder selbst geben, und gehen ihren Weg dann relativ unbeirrt weiter, mit breitem Kreuz und großem Herz.

Eine Mutter, die auch manchmal verunsichert wurde und war, erzählt Euch von einem Erlebnis, das sie – mal wieder – in ihrem Weg bestärkt hat:

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25 Aug

Schublade auf – ARSCHLOCKIND – Schublade zu!

Immer wieder stolpere ich irgendwo über den Begriff „Arschlochkind“. Nutzt den ein Comedian, ist er vielleicht noch igendwie lustig; nutzt ihn jemand im Bekanntenkreis, weiß man, welche Art von Verhalten da besprochen wird. Aber eigentlich mag ich den Begriff „Arschlochkind“ nicht.

Denn er klingt so nach Schublade, legt ein Kind fest und ist ein ungerechfertigter Stempel, der nur nach oberflächlicher Betrachtung vergeben wurde.

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13 Aug

Ergebnisse – wir wollen Ergebnisse sehen!

Du versuchst, Deinem Kind bedürfnisorientiert zu begegnen, und hast die Erwartung, dass Euer Alltag sich immer weiter entspannt, Ihr Euch gut versteht, Harmonie immer mehr bei Euch einzieht – aber das ist gar nicht so?! Wutanfälle, weil die Treppe zu lang ist, die Radtour zu kurz, die Limo zu gelb, die Hausaufgaben zu doof? Beißattacken, während Ihr eigentlich nur ein Buch lest oder Du das gewünschte Mittagessen kochst? Du wirst angeschrieen, während Du den bestellten Pulli am Reißverschluss schließt oder Ihr im Lieblingsschwimmbad seid?

Immer wieder begegnen mir Eltern, die dann frustriert sind. Natürlich!

Natürlich?

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29 Mai

Vom Abgrenzen und Nähesuchen

Mein Kind und ich hatten einen Streit. Nichts Großes. Man könnte auch eher Meinungsverschiedenheit sagen. Kurz vorm Zubettgehen. Wir diskutierten immer noch, als ich sie ins Bett begleitete, aber eigentlich war alles besprochen. Müde waren wir beide, brauchten Feierabend.

Sie setzte sich auf Ihr Bett, ihre Körpersprache sagte laut und klar: „Ich bin motzig. Ich brauche Abstand. Lass mich!“ Sie zog eine Grenze.

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24 Mai

Abschied oder Drama?

Ich liege platt im Liegestuhl. Wir sind im Schwimmbad. Der Kleine spritzt im Kinderbecken herum, der Große ist irgendwo unterwegs, auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Ich war eben einige Bahnen ziehen, dem Rücken etwas Gutes tun. Nun bin ich müder, als ich sein dürfte, aber unserem Besuch hier gingen mehrere Tage Migräne voraus – das macht k.o.

In mein Handtuch gewickelt dämmere ich fast weg, als plötzliches Schimpfen einer weinerlichen Kinderstimme mich wieder hochreißt: ein etwa 3 Jahre altes Mädchen möchte nicht nach Hause gehen!

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