24 Apr

Beikostreife – Der Fachmann ist das Kind!

In der Auflistung der häufigsten Themen, nach denen Eltern im ersten Lebensjahr ihres Kindes fragen, kommt dicht gefolgt hinterm Schlafen: das Essen. Manche Kinderärzte machen Druck, einige Verwandte fragen immer wieder, gerade bei Stillkindern, weil sie so gerne auch mal füttern möchten, wir Eltern selbst sind unsicher, da es Phasen gibt, in denen das Kind nicht mehr satt zu werden scheint oder plötzlich von unserem Essen magisch angezogen wird.

Sollen wir loslegen oder lieber noch nicht? Was passiert, wenn wir warten – riskieren wir mit einem eher späten Beikoststart schlimme Mangelerscheinungen oder Probleme bei der Essmotorik? Und wenn wir doch begonnen haben, aber es funktioniert eher schlecht: dürfen wir dann wieder aufhören – oder wäre das schon die erste, schreckliche Inkonsequenz, die wir ja nicht zeigen dürfen? Ach, und was ist, wenn es wunderbar funktioniert und unser Baby mit Begeisterung isst, aber sein Verdauungssystem katastrophal reagiert und wir dauernd Schmerzsymptome behandeln müssen?

 

Fragen über Fragen. Einen Teil wollen wir hier behandeln, um möglichst große Sicherheit zu schaffen und einen guten Start für alle Beteiligten zu ermöglichen. Für alle weiteren Fragen empfehlen wir eine gute Stillberaterin – sie hat in der Regel fundiertes, aktuelles Wissen rund um die ganze Thematik, kann Euch beruhigen, wenn Euer Kinderarzt eventuell nicht ganz up to date ist und Euch nervös macht mit den Wachstumskurven im U-Heft oder ähnlichem, und sie kann Euch beraten, ob irgendwann bei langem Stillen ggf. ein Bluttest hinsichtlich eines möglichen Eisenmangels sinnvoll ist oder aber noch lange nicht und Ihr dies Eurem Kind ersparen könnt. Auch wenn Euer Kind die Flasche bekommt, ist eine Stillberaterin für den Übergang zur Beikost die richtige Fachfrau.

Es gibt ehrenamtliche und hauptberufliche Stillberaterinnen; über die Qualität sagt das nicht unbedingt etwas aus, wobei man schon wissen sollte, dass die Ausbildung Geld gekostet hat und eine Bezahlung der Beratung daher definitiv ihre Berechtigung hat.

Hier investiertes Geld lohnt sich sehr, denn ein stressfreier Beikoststart ist goldwert. Mundpropaganda ist hier vermutlich der beste Weg, um die richtige Wahl zu treffen.

 

 

Wer entscheidet über Beikostreife?

Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten: der Esser! Das Baby.

Empfehlungen von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung oder der WHO, die ein Alter enthalten, sind nur ungefähre Angaben, angelehnt an Studien zur Allergieprophylaxe und ähnliches, aber es sind keine Vorgaben, definitiv kein Muss.* Dennoch verunsichern sie. Wenn man gelesen hat, das Kind solle ab dem vollendeten 4. Lebensmonat zugefüttert werden, oder wenn einem der Kinderarzt dies mit Falten auf der Stirn als wirklich dringlich umzusetzen mitgegeben hat, dann kann das wirklich nervös machen!

 


*Woher kommen die Altersangaben überhaupt?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht die Empfehlung aus, möglichst sechs Monate ausschließlich zu stillen. Der Rat der Deutschen Gesellschaft für Ernährung DGE hinsichtlich der Allergieprävention rät nur deshalb schon früher zur Beikost, weil in Deutschland die meisten Kinder mit sechs Monaten bereits abgestillt sind.

Weil aber Lebensmittel deutlich besser vertragen werden, wenn sie unter dem Schutz des Stillens eingeführt wurden, hat man den Beikoststart nach vorne – auf den vollendeten vierten Monat – verlegt. So bekommen die früh abgestillten Kinder nämlich ihren Brei auch noch mit Muttermilch zusammen.

Wenn man aber ohnehin nicht vorhat, abzustillen, muss man es mit der Beikost wirklich nicht eilig haben. – HABT IHR DAS GEWUSST?


 

Auch auf vielen Fertigmahlzeiten fürs Babyalter ist so eine Altersangabe ja aufgedruckt, und viele möchten gerne, dass ihr Baby in diese Norm passt oder machen sich gar keine weiteren Gedanken darüber und machen einfach mit, schließlich ist der Gedanke ans Füttern können und gemeinsam Lebensmittel entdecken ja auch schön. Doch oft kommt dann die böse Überraschung, denn das Baby kommt mit dem Löffel nicht klar, verliert nach einer Minute jegliches Interesse am Essen und man selbst zweifelt an sich, macht sich zum Kasper, kocht zehn verschiedene Gemüsesorten ein, denn eine muss doch schmecken…

Dabei ist womöglich gar kein Essproblem da, und der Start könnte ganz anders aussehen, ganz simpel. Ihr kennt unseren Rat schon, wenn Ihr aufmerksame Bindungsträume-Leser seid: Schaut auf Euer Kind!

 

Es zeigt Euch, dass es beikostreif ist, wenn

  • es größtenteils selbständig auf dem Schoß eines Elternteils sitzen und seinen Kopf stabil halten kann,
  • es gezielt mit seinen Händchen nach verschiedenen Gegenständen greifen und diese dann in seinen Mund führen kann,
  • es sich von ganz alleine für Eure Mahlzeiten am Esstisch und für das Essen auf Euren Tellern interessiert,
  • und wenn sein Zungenstreckreflex von selbst verschwunden ist. Gerade den letzten Punkt finden wir besonders wichtig. Ihr merkt das Verschwinden des Reflexes daran, dass das Kind den Löffel nicht mehr kräftig und instinktgeleitet aus dem Mund schiebt. In manchen Ratgebern wird dazu geraten, beim „Abtrainieren des Reflexes“ durch eine Art „Gegendruck“ zu helfen. Wir möchten davon abraten, weil es uns definitiv falsch und übergriffig vorkommt. Über die Zeit kommt das ganz alleine, und kein Baby muss sich von einem Löffel oder Lebensmittelstück „überwältigt“ fühlen.

 

In unseren Beratungen erfahren wir oft, dass es etliche andere Dinge gibt, die Eltern dazu verleiten zu glauben, Ihr Kind wolle unbedingt Beikost versuchen und werde vom Stillen oder der Flaschenmilch nicht mehr satt. Oft sind dies natürlich die typischerweise schlechter werdenden Nächte im Standardbeikoststartalter – das Kind schläft unruhiger, meldet sich nachts häufiger, es muss doch großen Hunger haben?! Entweder rührt das daher, dass das Kind gerade motorisch große Entwicklungen mitmacht und auch nachts nach dem Aufwachen einfach beweglicher ist als vorher, so dass die ganze Nacht insgesamt „dynamischer“ und unruhiger wird. Auch die kognitive Entwicklung schreitet voran, das Kind nimmt mehr auf, träumt vielleicht vermehrt, meldet sich öfter und braucht die Sicherheit, dass die Eltern noch da sind (auch erste Fremdelerscheinungen können in dem Alter auftreten und nachts Nachwirkungen haben). Oder es handelt sich hierbei um Wachstumsschübe, die kurzzeitig mehr Hunger verursachen; dann hat die Natur es so eingerichtet, dass das Baby häufiger stillen möchte, um die Milchproduktion anzuregen. So clever! Reagieren wir aber nun mit der Gabe von weniger Milch und dafür erster, kalorienmäßig viel weniger gehaltvoller Beikost, so haben wir sicher keine ruhigeren, „satteren“ Nächte gewonnen!

Auch ständiges Mundeln, also das Erfassen und Erfahren der Welt durch das Ertasten der Dinge mit dem Mund wird häufig fehlgedeutet als zu geringe Sättigung. Dabei sagt die Entwicklungspsychologie ganz eindeutig, dass diese Phase in der Regel im 5. Lebensmonat ihren Höhepunkt hat und ganz einfach nur verstärkt auftritt. Der ganze Bereich des Mundes – Lippen, Zunge, Gaumen – sind sensibel und helfen beim Entdecken der Welt. Sie unterstützen die Erfahrungen, die die Babys mit den Händen machen, sowie die anderen Sinneseindrücke. Appetit ist das meist nicht!

 

 

Fragen, Fragen, Fragen… und Antworten!

Auf ein paar Fragen aus den Einganszeilen möchten wir an dieser Stelle noch eingehen; weitere Details sollten, wie geschrieben, individuell abgeklärt werden.

  • Wenn Ihr angefangen habt, weil alle Beikostreifezeichen erfüllt waren, aber feststellen müsst, dass Euer Baby den Brei nicht mag und schon diverse Geschmäcker durchgetestet habt, traut Euch doch und wagt BLW. Baby-led weaning ist unter Eltern, die sich mit Attachment Parenting beschäftigen, in der Regel bekannt und verbreitet, aber bei vielen anderen immer noch nicht. Es handelt sich hierbei um die Beikosteinführung unter Verzicht auf Brei, geleitet vom Baby und seiner Selbständigkeit, seinem Spaß und Interesse am Essen; es entscheidet selbst, was es sich in den Mund steckt und probieren mag, ganz aktiv!
    Vielleicht ist die Breikonsistenz nichts für Euer Kind, und vielleicht mag es den Löffel oder das passive Gefüttertwerden nicht. Wunderbar einlesen könnt Ihr Euch beispielsweise bei Gill Rapley und Tracey Murkett in „Baby-led Weaning – Das Grundlagenbuch“.
  • Wenn Ihr angefangen habt, aber Euer Kind partout doch nicht richtig möchte, dann scheut Euch nicht, wieder aufzuhören! Vielleicht habt Ihr die Zeichen missgedeutet. Das ist keine „Inkonsequenz, die fürchterliche Folgen nach sich ziehen wird“! So viel logisches Denken vermag Euer Baby noch gar nicht, könnt Ihr den Leuten entgegnen, die Euch mit derartigen Argumenten verunsichern möchten. Ihr habt es versucht, es ist noch nicht soweit. Ihr macht eine Pause und versucht es nach einiger Zeit erneut. Genauso wie man es beim Radfahren oder Schwimmen auch tun würde. Nochmal absteigen, nochmal aus dem Becken kommen – es hat jetzt gerade keinen Sinn.

  • Wenn Euer Kind das Essen liebt und geradezu verschlingt, aber immer wieder mit Verdauungsproblemen reagiert, solltet Ihr ggf. nochmal eine Pause einlegen, aber meist ist dies nicht nötig. Gut ist auf jeden Fall parallel viel zu stillen, auch vor und nach der geplanten Mahlzeit, denn Beikost wird, wie oben bereits erwähnt, am besten vertragen, wenn sie kräftig mit Muttermilch umspült wird. Auch Flaschenkinder sollten weiterhin nach Bedarf ihre Milch zusätzlich bekommen dürfen, denn ab dem ersten Beikoststart ändert sich die Darmflora aller Kinder komplett. Dies bedeutet, dass man immer mit Umstellungen rechnen sollte: lange Dauer von Stuhlgang zu Stuhlgang oder auch Bauchweh. Stuhlauflockerndes Essen ist häufig eine Hilfe – es muss also nicht immer das Gemüse sein zum Start, auch Birne oder Pflaume dürfen dabei sein. (Oft wird auch Milchzucker empfohlen, aber davon raten wir so früh ab, da hier rasch eine Art Abhängigkeit entstehen kann und dieser außerdem auch selbst je nach Dosierung zu Bauchweh führen kann.)
  • Wenn Euer Kind Beikost größtenteils verweigert, Ihr ausgedehnt stillt, und das Baby auf der untersten Perzentile im U-Heft oder gar darunter liegt und der Kinderarzt Euch nervös macht, schaut erst einmal in die Wachstumskurven, die es von der Weltgesundheitsorganisation gibt. Diese basieren auf den Daten von Stillkindern und geben häufig ein beruhigenderes Bild wieder (WHO Wachstumskurven). Daten sind Daten, Kurven sind Kurven. – Wie geht es aber Eurem Kind? Ist es agil, sieht es gesund aus, ist es mobil und fit? Müsst Ihr Euch wirklich Sorgen machen? Und: wurde es immer in etwa zur gleichen Tageszeit gewogen, immer nackt bzw. mit der gleichen Menge Bekleidung, mit der gleichen Waage?
  • Wenn es auf den ersten Geburtstag zugeht und Ihr das Gefühl habt, Euer Kind isst immer noch wenig Beikost, wird oft die Frage nach dem Eisenwert vom Kinderarzt  kommen. Das gilt es dann schon im Auge zu behalten. Manchmal ist es schon hilfreich, erstmal ein paar Tage zu notieren, was Euer Kind tatsächlich isst; ab und an merkt man dann, dass dies doch viel mehr ist, als man dachte, und die Sorge wird wieder viel kleiner. Aber manchmal sieht man dann auch, dass das Kind wirklich wenig isst, über einen längeren Zeitraum – da solltet Ihr wachsam sein! Hier hilft es zu wissen, dass es bestimmte Risikofaktoren gibt, die den Eisenwert auch unabhängig von der Ernährung schon niedrig halten können (z.B. Zustand nach Sectio, niedriger Eisenwert der Mutter in der Schwangerschaft, u.v.m.) – liegen diese vor, sollte man den Blick des Arztes doch zu schätzen wissen und sich nicht angegriffen fühlen. Hilfreich ist, von vorneherein darauf zu achten, dass die Beikost eisenreich ist! Haferflockenkekse, Sesampaste oder andere Knabbereien sind oft dankbare Helferlein.

Inke & Mildi

Alle Fotos: Tanja Fleischmann und Mildi privat.

 

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