03 Sep

Kein Kind ist wie dein Kind

Bindungsträumerin Stephanie Siebert ist systemische Beraterin für Eltern und lebt mit ihren zwei Töchtern in Nürnberg. Sie hat für uns über die Bedeutung unterschiedlicher Persönlichkeiten von Kindern und den besten Umgang damit geschrieben.

Vielleicht habt ihr diese Werbung eines Versicherungsanbieters auch schon gesehen. Der Slogan: “Kein Kind ist wie dein Kind.” Stimmt – nicht mal mein Kind ist wie mein Kind. – Hä? Na, weil ich zwei Kinder habe. Und die sind sich zwar in manchem ähnlich, in vielem aber auch grundverschieden.

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02 Sep

Wie Tagebuch schreiben die Bindung zu deinem Kind stärkt

Hier kommt ein Gastbeitrag von Imme Scheit. Vielleicht kennt ihr sie schon durch ihren Podcast, in dem zum Beispiel die Bindungsträumer:innen Nora Imlau oder Inke Hummel, Christopher End oder Carsten Vonnoh bereits zu Gast waren. Außerdem ist Imme Mit-Gründerin von „YAY | Online-Tagebuch zum Ausdrucken für Eltern“. Sie hat das YAY Online-Tagebuch mit ihrem Mann entwickelt, um allen Eltern die Möglichkeit zu geben, ihre Erinnerungen von Anfang an festzuhalten, zu teilen und auf die schönste Art zu drucken. Imme ist selbst zweifache Mama und lebt beziehungsorientiert mit ihren Kindern.

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30 Apr

Stillen als Bedürfnis?

Wenn wir über das Stillen sprechen, schwingt da immer auch ein Abschied mit. Auch die längste und schönste Stillzeit geht irgendwann mal zu Ende.

Wie so viele Stillende hatte auch ich ursprünglich die Vorstellung, ja den Anspruch an mich, meine Tochter so lange zu stillen, bis sie sich von selbst abstillt. Eines Tages würde ihr Bedürfnis gestillt sein (es heißt ja nicht umsonst so), und dann würde sie ohne mein Zutun und ohne Zetern und Klagen glücklich und zufrieden davon ablassen. Ein anderer Weg erschien mir nicht möglich. Das natürliche Abstillen dagegen, im natürlichen Abstillalter ausschließlich vom Kind ausgehend, war der heilige Gral.

Gerade in bindungsorientierten Kreisen begegnet uns diese Vorstellung sehr häufig.
„Gestillte Bedürfnisse verschwinden, ungestillte tauchen immer wieder auf“. 
Unter diesem Narrativ wird das Bedürfnis gestillt zu werden geradezu als lebensentscheidend angesehen.

Ja, unter meinen Kolleg:innen in der Stillberatung gibt es sogar welche, die ausdrücklich nicht zum Abstillen beraten. Das aktive Abstillen, also das nicht vom Kind ausgehende, wird gelegentlich sogar als Gewalt bezeichnet.

Doch ist das wirklich so?
Bleibt bei Kindern, die aktiv abgestillt werden, anschließend ein ungestilltes Bedürfnis zurück, das den Rest ihres Lebens immer wieder aufploppt und ein Gefühl der Leere und der Unvollkommenheit verursacht? Das grundsätzlich dazu führt, dass ungesunden Ablenkungs- und Bewältigungsstrategien Tür und Tor geöffnet wird? Gibt es wirklich nur diesen einen Weg, wenn man sein Kind bindungs- und bedürfnisorientiert begleiten möchte?

Das wäre furchtbar!
Das hieße ja, dass sämtliche aktiv abgestillten Kinder ungestillte Bedürfnisse hätten. Und die formulaernährten Kinder erst, die wären dann allesamt rettungslos verloren!

Die gute Nachricht ist: Stillen ist überhaupt kein Bedürfnis.

Stillen ist eine super Strategie, um alle möglichen Bedürfnisse auf einen Schlag zu stillen: Hunger, Durst, Beruhigung, Nähe, Körperkontakt, Sicherheit, Bindung…all das sind echte Bedürfnisse und bei all denen hilft Stillen.

Aber nicht ausschließlich, denn all diese Bedürfnisse kann man auch anders erfüllen und das Stillen von vornherein oder nach und nach damit ersetzen. Pre-Fläschchen oder Käsebrot, Wasser, Kuscheln, Tragen, Kuscheltier oder Schnuffeltuch…für alles gibt es eine Alternative. Natürlich wird das Kind kaum ohne jeglichen Protest darauf reagieren, aber das ist okay! Solange es in seinen Bedürfnissen gesehen und begleitet wird, wird es keinen Schaden nehmen.

Damit will ich in keiner Weise die vielen positiven Aspekte des (langen) Stillens schmälern.

Aber wer wahrnimmt, dass die eigenen Bedürfnisse zu kurz kommen und sich durch das Stillen belastet fühlt, soll auch kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn er/sie einen anderen Weg geht. Deshalb ist man nicht weniger bindungsorientiert.

Ich habe damals sehr lange mit mir gerungen, als ich nach über dreijähriger Stillzeit nicht mehr wollte. Viele Wochen habe ich gebraucht, bis ich mich dazu durchringen konnte, meine Tochter aktiv abzustillen.

Ich hatte das Gefühl, zu versagen.

Ich hatte Angst, meine Sache als Mutter nicht gut genug zu machen, und in der „AP-Szene“ dafür an den Pranger gestellt zu werden.

Nach drei Jahren und neun Monaten war ich dann so weit. Und am Ende war es ganz leicht.

28 Nov

Was wollen die AP-„Jammermamas“ überhaupt?

Es kreist mal wieder ein (alter) Artikel herum, in dem etliche Male „Attachment Parenting“ auftaucht und viel Kritisches zur Sprache. Manches ist berechtigt, anderes möchte ich unbedingt von einer anderen Warte aus betrachten. Denn für mich zeigt der Artikel nicht nur mit dem Finger auf ein Problem (was ja gut ist), sondern macht auch gleich einen Schuldigen aus (die Mütter! – ja die Mütter unter Druck, aber dennoch DIE MÜTTER), und das ist mir zu simpel. Da diese Sichtweise nicht nur in diesem einen Text vorkommt, sondern mir verschiedentlich immer wieder begegnet, möchte ich das mal ein bisschen besser einkreisen.

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05 Nov

Auf die Haltung kommt es an

Auf Twitter wird mir ein Video in die Timeline gespült. Es zeigt eine Familie mit mehreren Kindern. Eines der Kinder hat offensichtlich Geburtstag und versucht, die Kerzen auf dem Kuchen auszupusten. Sein kleines Geschwisterchen, vielleicht zwei Jahre alt, will mitpusten. Der Vater steht hinter den Kindern und hält dem Kleinen immer dann einen Pappteller vors Gesicht, wenn er anfängt zu pusten. Das Kind schreit und tobt immer heftiger. Der Vater grinst in die Kamera.

Ich sehe etwas anderes als die anderen

Ich reagiere sehr spontan mit geradezu körperlichem Unwohlsein: Ein dicker Knoten aus Mitleid und Wut bildet sich in meinem Bauch. Ich schaue in die Kommentare: Sehr viele Lachsmileys. Ich sehe auf den ersten Blick keine Kritik. Wir sehen also offenbar ganz unterschiedliche Dinge. Denn würden die anderen das sehen, was ich sehe, würde wohl kaum jemand darüber lachen.

Was also sehen die anderen? Ich stelle mir vor, dass sie ein tobendes Kleinkind sehen, das unangemessen heftig reagiert und in dieser Heftigkeit lächerlich wirkt. Vielleicht sehen sie auch Eltern, die ganz cool und lässig mit diesem Wutanfall umgehen. Klar, so ist es am besten: drüber lachen! Humor hilft doch in schwierigen Momenten, oder nicht?

Wut ist die Spitze des Eisbergs

Was sehe ich? Ich sehe ein verzweifeltes Kleinkind, ohnmächtig in seiner Wut. Niemand geht mit diesem Kind in Verbindung, niemand zeigt Mitgefühl. Der Vater führt sein Kind vor. Immer wieder grinst er beifallheischend in die Kamera. Der Rest der Familie wirkt unbeteiligt. Dieser kleine Kerl ist wirklich völlig allein mit diesem ihn überschwemmenden Gefühl. Ja, er wird dabei sogar gefilmt und das Video danach online gestellt, zur Belustigung der ganzen Welt.

Naja, könnte man jetzt einwenden, es ist halt ein Wutanfall, weil er nicht bekommt, was er will. So sind kleine Kinder eben, das muss man mit Humor nehmen. Es ist doch nur Wut. Wut ist aber kein primäres Gefühl. Hinter Wut stecken immer andere Gefühle: Schmerz, Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht – oft eine bunte Mischung aus diesen Emotionen. Die Wut ist nur die Spitze des Eisbergs, das sichtbare Verhalten. Wenn ich das weiß, wirkt die kindliche Wut gleich viel weniger lächerlich. Sie ist Ausdruck höchster Verzweiflung.

Auf die Haltung kommt es an

Schaffe ich es, mit jedem Wutanfall meiner Töchter (4 und 1,5) ideal umzugehen? Immer geduldig und zugewandt? Hell no. Manchmal werde ich laut, manchmal gehe ich aus dem Zimmer, manchmal bin ich schrecklich genervt. Es geht mir sicher nicht darum, dass wir Eltern immer perfekt sein müssen.

Aber ich wünsche mir eine Haltung kleinen (und großen) Menschen gegenüber, die negative Gefühle ernst nimmt. Ich kann deinen Schmerz vielleicht nicht nachvollziehen, aber ich sehe ihn. Ich erkenne ihn an. Ich lache nicht über ihn.

Das übe ich übrigens auch bei mir selbst, und das ist vielleicht das Schwierigste: Auch meine negativen Gefühle sind valide. Ich sehe sie. Ich rede sie nicht klein. Ich rationalisiere sie nicht weg. Ich nehme sie an. In der Hoffnung, dass ich diese Haltung auch meinen Kindern vermitteln kann.


Dieser Text stammt von Neumitglied Stephanie Siebert.

Sie wurde am 4. Juni 1981 in Niedersachsen geboren und lebt mittlerweile mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Nürnberg. Nach ihrem Studium der Germanistik mit Schwerpunkt Journalistik in Bamberg war sie 14 Jahre lang Redakteurin bei der Nürnberger Zeitung. In dieser Zeit kamen auch ihre beiden Töchter zur Welt, und sie beschäftigte sich zunehmend mit bindungs- und beziehungsorientierter Elternschaft. Seit 2014 ist sie als @das_weib bei Twitter und steht dort in regem Austausch mit anderen Eltern.

2020 war dann in mehr als einer Hinsicht ein Jahr des Umbruchs: Steffi unterschrieb einen Aufhebungsvertrag, begann eine Ausbildung zur systemischen Beraterin (DGSF) und eine Weiterbildung zur bindungs- und beziehungsorientierten KBV-Kursleiterin bei Bindungsträume-Mitglied Katharina Saalfrank.  Ihr Ziel ist es, Eltern zu beraten und zu begleiten bei allen Fragen, die sich im Alltag stellen: Vereinbarkeit, Aufgabenverteilung, Partnerschaft, Er- bzw. Beziehung, persönlicher Freiraum und alles, was sie sonst noch bewegt. Und darüber schreiben möchte sie außerdem – unter anderem hier.

01 Apr

Warum willst Du nicht? – …warum will ich unbedingt??

Wie oft ärgern wir uns über unsere Kinder, weil sie irgendetwas nicht tun wollen, für das wir Zeit und Geld inverstiert haben?
Das neue Fahhrad – „Ist mir viel zu wackelig!“
Die neuen Fußballschuhe – „Die Kinder da zanken mich nur!“
Die praktische Schwimmbrille – „Das brennt immer noch im Auge! Ich geh nicht mehr ins Becken!“
Die Kindergitarre – „Da tun mir aber nach fünf Minuten immer die Finger weh.“
Ich glaube, die meisten von uns kennen das.

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10 Mrz

Wozu der ganze Aufwand?

Es ist oftmals anstrengend und verlangt uns Eltern viel ab, unseren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Grenzen zu wahren und ihren Willen ernst zu nehmen. Sich den ganzen Tag zu fragen: „Was will mir mein Kind sagen? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Und wie bekomme ich die Bedürfnisse aller unter einen Hut?“ und dann entsprechend zu handeln, zu begleiten und aufzufangen- das zehrt!
Zumal wir selbst oft nicht so aufgewachsen sind und sehr an uns arbeiten müssen, um nicht in alte Muster zu verfallen, Machtkämpfe auszutragen und die Integrität unser Kinder möglichst nicht zu verletzen. Und immer mal wieder gelingt es uns doch nicht und wir halten uns für schlechte Eltern und könnten schier verzweifeln.

Und am nächsten Tag strengen wir uns wieder an.

Wozu nur dieser ganze Aufwand?

Ich musste vor ein paar Jahren operiert werden. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch stillte, entschied ich mich für eine Rückenmarksnarkose und gegen ein Beruhigungsmittel.

Ich bekam also alles mit und das allein ist bei so gynäkologischen Geschichten ja schon eher unschön.

Die Anästhesistin war zwischenzeitlich nicht an ihrem Platz und merkte nicht, dass die Spinale nicht richtig saß. Die Operateure hinter dem Tuch bekamen auch nichts davon mit, dass das Herumstochern in meinem Bauch höllisch weh tat. Und ich war nicht in der Lage, etwas zu sagen.

Ich konnte nicht.

Ich lag da, mit unfassbaren Schmerzen, und war nicht in der Lage, auf mich aufmerksam zu machen. Ich konnte nur so daliegen und leise weinen und aushalten und hoffen, dass es irgendwann jemand merkt und mir hilft.

 

Für sich selbst sorgen zu können, für sich und andere einzustehen, Selbstwirksamkeit zu erfahren, mitfühlen zu können. Den Mund rechtzeitig aufzumachen und zu sagen „Stopp!“

Darum.

25 Feb

Musste das jetzt wieder sein?!

„Wir üben unsere Aufmerksamkeit und unseren Erfindungsreichtum im heimlichen Beobachten des Bösen, wir suchen es überall, spüren es auf, verfolgen es, wollen es auf frischer Tat ertappen, wir sehen Schlimmes voraus und kommen zu demütigenden Verdächtigungen. Ein Kind hat die Tür zugeschlagen, ein Bett ist schlecht gemacht, ein Mantel ist verlegt, ein Klecks ist im Heft. Wenn wir nicht schimpfen, nörgeln wir doch, anstatt uns zu freuen, dass es nur das ist. (…)“ (Janusz Korczak)
Fühlt Ihr Euch ertappt? Ich für meinen Teil kenne das sehr gut. Und kann es nicht an mir leiden. Möchte es gerne loswerden.
Das Verdächtigen und Meckern über allerkleinsten Kleinkram.  Es ist doch verrückt: warum sind wir da oft so kleinlich, warum haben wir immer wieder die Lupe in der Hand, um jede Winzigkeit zu sehen, die unsere Kinder verkehrt machen? Warum müssen wir ALLES erwähnen?

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08 Feb

Ich hab’s vergessen – hilfst Du mir?

19 Uhr. „Hast Du alles eingepackt: Trinken, Musikmappe, Fahrkarte?“ „Ja!“

7 Uhr. „Hast Du alles eingepackt: Trinken, Musikmappe, Fahrkarte und Essen?“ „Ja, Mama!“

8 Uhr, Telefon: „Kannst Du kommen? Ich darf nicht mitfahren. Mir fehlt die Fahrkarte!“

Welche Eltern kennen diese Momente nicht? Das Kind hat etwas vergessen, bemerkt es, äußert sich dazu, bittet offen oder versteckt um Unterstützung. Wie reagiert man da? Immer helfen? Wird das Kind dann nicht faul und erst recht vergesslich? Nie helfen? Ist das nicht seltsam, allein schon vom Bauchgefühl her? Aber vielleicht richtig und wichtig, hier mal Grenzen zu zeigen? Lerneffekt – hallo?!!

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06 Feb

Wie sehe ich denn, ob es gut läuft?

Kennt Ihr das: wir leben beziehungsorientierte Elternschaft, geben ganz viel von uns, versuchen unsere Kinder gut zu sehen, bieten Kooperation an anstatt autoritär zu sagen, wo es lang zu gehen hat – und erwarten, vielleicht unbewusst, auch ein bisschen sowas wie Entgegenkommen?!

„Ich tu doch alles, also bitte verhalte dich, wie ich gesagt habe….Ich sehe ja, dass Du müde, hungrig, k.o. bist und heute schon gaaaaanz viel kooperiert hast, aber diese eine Situation jetzt – da kann ich erwarten, dass es klappt. Es ist mir ganz wichtig!“

Wir wollen das vielleicht gar nicht denken, aber erwischen uns doch, dass diese Erwartung in uns aufploppt – und reagieren entsprechend?! Weil wir uns so sehr nach Harmonie sehnen?!

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