10 Mrz

Wozu der ganze Aufwand?

Es ist oftmals anstrengend und verlangt uns Eltern viel ab, unseren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Grenzen zu wahren und ihren Willen ernst zu nehmen. Sich den ganzen Tag zu fragen: „Was will mir mein Kind sagen? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Und wie bekomme ich die Bedürfnisse aller unter einen Hut?“ und dann entsprechend zu handeln, zu begleiten und aufzufangen- das zehrt!
Zumal wir selbst oft nicht so aufgewachsen sind und sehr an uns arbeiten müssen, um nicht in alte Muster zu verfallen, Machtkämpfe auszutragen und die Integrität unser Kinder möglichst nicht zu verletzen. Und immer mal wieder gelingt es uns doch nicht und wir halten uns für schlechte Eltern und könnten schier verzweifeln.

Und am nächsten Tag strengen wir uns wieder an.

Wozu nur dieser ganze Aufwand?

Ich musste vor ein paar Jahren operiert werden. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch stillte, entschied ich mich für eine Rückenmarksnarkose und gegen ein Beruhigungsmittel.

Ich bekam also alles mit und das allein ist bei so gynäkologischen Geschichten ja schon eher unschön.

Die Anästhesistin war zwischenzeitlich nicht an ihrem Platz und merkte nicht, dass die Spinale nicht richtig saß. Die Operateure hinter dem Tuch bekamen auch nichts davon mit, dass das Herumstochern in meinem Bauch höllisch weh tat. Und ich war nicht in der Lage, etwas zu sagen.

Ich konnte nicht.

Ich lag da, mit unfassbaren Schmerzen, und war nicht in der Lage, auf mich aufmerksam zu machen. Ich konnte nur so daliegen und leise weinen und aushalten und hoffen, dass es irgendwann jemand merkt und mir hilft.

 

Für sich selbst sorgen zu können, für sich und andere einzustehen, Selbstwirksamkeit zu erfahren, mitfühlen zu können. Den Mund rechtzeitig aufzumachen und zu sagen „Stopp!“

Darum.

27 Mai

Familiensonntage

Sonntag ist bei uns, wenn jeder macht, was er will.
Für mich bedeutete das gestern, vier Stunden lang den Garten auf Vordermann zu bringen. Das kleine Mildikind war immer mal mit draußen, half mal bei ihrem eigenen Beet mit, suchte mal nach den Überresten einer im vergangenen Jahr beerdigten Maus, saß mal vor dem Fernseher, kehrte mal die Terrasse. Ganz so, wie es ihr in den Sinn kam.
Manchmal unternehmen wir auch etwas am Wochenende, aber das entsteht spontan, je nach Laune und Wetter. Der Große ist eh froh, wenn er keine Verpflichtungen hat wie beim Papa und in der Schule, und bleibt am liebsten zuhause.

In meiner Kindheit waren vor allem die Sonntage immer Zwangsveranstaltungen. Gemeinsame Spaziergänge, gemeinsames Hof kehren und Laub rechen, gemeinsame Mahlzeiten. Dabei war da aber gar nichts mit Gemeinsam im Sinne von Miteinander, von Augenhöhe, von Kompromissen, von Lösungen finden. Der Vater wollte am Sonntag das nachholen, was er die restliche Woche versäumt hatte und schaffte es doch nie, schon gar nicht emotional, die Mutter legte sowieso immer deutlich mehr Wert auf Leistung als auf Bedürfnisse. Die Eltern bestimmten und wenn, wie so oft am Wochenende, der Haussegen schief hing, bestimmten sie indirekt auch was passierte, weil sie dann stundenlang brüllten oder schwiegen und wir Kinder uns selbst überlassen waren.

Als mein großes Mildikind noch ein Baby war, dachte ich noch, ich müsse mein Kind nur nicht schlagen, dann wäre ich schon eine gute Mutter. Wie viel da sonst noch dranhängt, was Kinder emotional noch alles brauchen, um glücklich groß zu werden, davon hatte ich damals noch keine Ahnung. Erst beim zweiten Kind landete ich dann auf dem bindungsorientierten Weg, las ein Buch nach dem anderen und wurde immer trauriger ob all dem, was mir selbst alles verwehrt blieb und was damals, abgesehen von der physischen Gewalt, sonst noch alles schief lief.

Dass die Kinder und ich so entspannte, verbindende Familiensonntage haben, ist das Ergebnis von jahrelangem Austausch mit Therapeuten, Freunden, Gleichgesinnten, von Selbstreflexion, Auseinandersetzung mit dem inneren Kind, Literatur, Fortbildung, von Anschauen und Loslassen.

Es ist Arbeit, viel Arbeit. Und es lohnt sich.

09 Mai

Wenn der große schwarze Vogel kommt

Wenn der große schwarze Vogel kommt, erdrückt er langsam, aber unausweichlich alles was er kriegen kann.
Er sitzt auf meiner Brust, schwer wie ein Felsbrocken. Eingeladen hat ihn die Angst, meine Angst, die mich schon mein ganzes Leben lang begleitet.

Diesmal bleibt er so hartnäckig und lange sitzen, eigentlich ist er seit Monaten schon da, fliegt nur manchmal kurz weg, lässt mich Luft holen und macht sich dann wieder breit, schwerer als je zuvor.

Und dann möchte ich mich verkriechen, nichts mehr machen müssen und mache auch kaum noch etwas. Habe keine Kraft mehr für die banalsten Dinge, Termine vereinbaren, Rechnungen bezahlen, Rechnungen erstellen, Nachrichten beantworten, Kurse planen, alles Dinge die ganz einfach sind, die wichtig sind, die mir im Grunde auch leicht von der Hand gehen, wenn ich mich dazu aufraffen kann. Aber ich schaue nur blöde auf den Rechner und auf den Stapel Papiere daneben und schaffe es nicht, ich schaffe es einfach nicht und boykottiere mich damit selbst.

Es ist ein Gefühl wie dieser Moment, wenn man fast weint, aber eben nur fast, und das die ganze Zeit.
Es ist ein immer wiederkehrendes Aufraffen, ein Weitermachen, ein endloses Aneinanderreihen von Tagen, ein Aushalten, ein Warten.

Jede Zeile fällt schwer, jedes Wort, den Stift zu halten und zu bewegen fällt schwer, und doch, heute gelingt es. Heute ist ein guter Tag, deshalb.
Heute kann ich diesen Text schreiben.
Und mich zeigen.

15 Mai

Satz mit X – Die Familymesse „Kleine Entdecker“

Es hätte die perfekte Veranstaltung werden können. Endlich mal eine Messe für unsere Zielgruppe in Regensburg: Schwangere und junge Familien. Doch was uns Ausstellern groß angekündigt wurde als Riesenevent und großartige Gelegenheit, für unsere Angebote zu werben, entpuppte sich als totaler Reinfall.

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17 Feb

Kann eine Fernsehshow bindungsorientiert sein?

Mit zwei Stunden Verspätung komme ich endlich im Hotel an, meine Freundin wartet schon auf mich.
Ich habe gesunde Snacks mitgebracht, Kaffee, Wärmepflaster, Taschentücher und Schokolade. Ich wollte für alles gewappnet sein, manchmal hat sie Rückenschmerzen und wenn sie nicht regelmäßig isst, bekommt sie Migräne.

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30 Jan

Mein Herzenswunschkind oder No more Mildikinder

Ich hätte so gerne noch ein Kind gehabt.
Ich wollte dann einiges anders machen und besser als bei den ersten beiden. Ich wusste so vieles noch nicht.
Ich hätte so gerne die Chance gehabt, diesem Kind von Anfang an der Mensch zu sein, den ich als Kind gebraucht hätte.

Doch dann macht mir dieser Scheiß Krebs einfach so einen Strich durch die Rechnung, mit seinen Operationen und den Vernarbungen und dem ganzen Mist.
Und ich versuche, vernünftig zu denken und nicht so egoistisch zu sein, aber mein Herz…

Immerhin bin ich ja schon Anfang vierzig und wer weiß, ob es gesund wäre…aber mein Herz.
Und meine großen Mildikinder verlangen mir so viel ab, dass ich doch gar kein weiteres Kind mehr schaffen würde…aber mein Herz.
Und wegen der Vernarbungen werde ich immer öfter ohnmächtig vor Schmerzen, dass ich das kaum noch aushalten kann…aber mein Herz.
Und selbst, wenn ich den passenden Mann dazu hätte, wäre es äußerst unwahrscheinlich, auf natürlichem Wege…aber mein Herz.
Und dann müsste ich auch einen frühen totalen Muttermundverschluss machen lassen, das hieße viele Risiken eingehen und den Rest der Schwangerschaft liegen…aber mein Herz.
Und die Gefahr einer Frühgeburt wäre so groß, und ich habe ja schon ein Frühchen und weiß, was das bedeutet für ein Kind, all die Schmerzen und das Alleinsein und die Angst und die unabsehbaren Folgen…aber-

und dann wird mir klar, was jetzt meine Aufgabe ist und wie ich mich entscheiden muss und dass das absolut Größte, was ich für dieses Herzenswunschkind tun kann, ist, es nicht zu bekommen.

Als ich die Einwilligung für die Operation abgebe, die mir meine Gebärmutter und damit den Traum von einem dritten Kind endgültig nehmen wird, ist mir trotzdem, als hätte ich gerade mein eigenes Todesurteil unterschrieben. Da hilft auch die ganze Vernunft nichts.

„When your mind’s made up
When your mind’s made up
There’s no point trying to change it
When your mind’s made up
When your mind’s made up
There’s no point trying to stop it

You see, you’re just like anyone
And when the shit falls, all you want to do is run, away
And hide all by yourself
There is no one, who is gonna run to help“

(The Frames „Mind’s made up“)

Und dann schließe ich die Tür und weine und weine.

Bis ich keine Tränen mehr habe und meine Gedanken nicht mehr so laut sind und Platz machen können für etwas Neues.

16 Mai

William und Martha Sears – raus aus der AP Gruppe!

Stellen wir uns eine unsichere Neu-Mama vor, die beim Stillen auf dem Handy daddelt und dabei mehr oder weniger zufällig in irgendeine AP-Facebookgruppe stolpert. Was wird sie dort lesen? Dass Attachment Parenting dafür steht, mit sich selbst und seinem  Kind liebevoll und großzügig umzugehen? Eher nicht. Sie wird beim ersten Durchscrollen eher erstmal erfahren, was bei AP alles verboten ist: Man darf keine gemeinsamen Mahlzeiten erwarten, kein Grüßen, keine Entschuldigungen, kein Dankeschön, ja selbst das Erziehen ist verpönt – puh, denkt sich unsere Neu-Mama, das klingt ja alles ganz schön krass.

Sie liest weiter und erfährt, dass bei AP das Kind außerdem jahrelang gestillt, ausschließlich getragen und familiengebettet werden muss. Und wenn der Papa damit nicht zurechtkommt, schläft er eben auf dem Sofa.

Gut möglich, dass das Interesse der Mutter an AP nach diesem ersten Einblick schlagartig erlischt. Denn das, was sie liest, klingt so radikal und  kompromisslos, dass sie das Gefühl hat: als ganz normale Mama passe ich hier nicht hin. Schließlich scheint es nur einen richtigen Weg zu geben, AP zu leben. ‘Und bevor ich etwas falsch mache und mir immer wieder anhören muss, ich wäre nicht gut genug, ich müsse unbedingt dieses tun und jenes lassen und überhaupt sowieso völlig auf Erziehung verzichten, kann ich es ebenso gut auch gleich ganz lassen mit dem Versuch, bindungsorientierter zu leben,‘ denkt sich unsere Neu-Mama und klickt auf ‚Gruppe verlassen.’

Was für eine verpasste Chance!

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25 Apr

Tragen ist Liebe

Mein großes Mildikind war ein Extremfrühchen und kam in der 26. SSW zur Welt. Er sah aus wie ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war, er war so klein und zerbrechlich. Drei Tage nach seiner Geburt durfte er zum ersten Mal aus dem Inkubator. Er wurde mir auf die Brust gelegt und war endlich wieder da, wo er hingehörte – ganz nah bei mir. Die nächsten zwölf Wochen haben wir in der Kinderklinik so viel wie möglich gekuschelt und wurden dann nach Hause entlassen. Weiterlesen