08 Feb

Ich hab’s vergessen – hilfst Du mir?

19 Uhr. „Hast Du alles eingepackt: Trinken, Musikmappe, Fahrkarte?“ „Ja!“

7 Uhr. „Hast Du alles eingepackt: Trinken, Musikmappe, Fahrkarte und Essen?“ „Ja, Mama!“

8 Uhr, Telefon: „Kannst Du kommen? Ich darf nicht mitfahren. Mir fehlt die Fahrkarte!“

Welche Eltern kennen diese Momente nicht? Das Kind hat etwas vergessen, bemerkt es, äußert sich dazu, bittet offen oder versteckt um Unterstützung. Wie reagiert man da? Immer helfen? Wird das Kind dann nicht faul und erst recht vergesslich? Nie helfen? Ist das nicht seltsam, allein schon vom Bauchgefühl her? Aber vielleicht richtig und wichtig, hier mal Grenzen zu zeigen? Lerneffekt – hallo?!!

Diese Fragestellung begegnet mir in der Art sehr oft, und die Reaktionen in den Diskussionen dazu sind immer sehr ähnlich. Es zeigt sich die oben genannte Spannbreite: von Hand reichen bis Zaun hochziehen.

Ich möchte genauer hinschauen, damit Ihr für Euch wirklich sicher entscheiden könnt, welchen Weg Ihr gehen möchtet. Ohne Unkenrufe im Ohr und Bauchgrummeln im Magen.

Wovon hängt unsere Reaktion ab?

Unsere Reaktion auf unser Kind beinhaltet zwei Bereiche: 1. Wie reagiere ich in dem Moment auf seine Aussage? 2. Wie handle ich schließlich? Wie wir unserem Kind in einem solchen Moment begegnen, hängt von ganz vielem ab.

Grundhaltung

Zum einen ist da unsere Grundhaltung: Sind wir in Beziehung und auf Augenhöhe? Oder stehen wir autoritär über unserem Kind? Letztere Eltern werden vermutlich sofort motzen, das Thema beenden, ihr Kind ihrem Schicksal überlassen. Ersteren Eltern liegt das Meckern vielleicht auch auf der Zunge, aber wenn es uns möglich ist, sollten wir den Ton des Unmuts herunterschlucken. Denn besser ist es, sachlich und zugewandt zu erklären, warum das Vergessene ärgerlich ist, für Stress sorgt usw. Damit kann unser Kind schon inhaltlich viel mehr anfangen, und es wird sich gesehen und ernst genommen fühlen.

Ziel

Zum anderen hängt unsere Reaktion davon ab, was wir erreichen wollen, was unser Ziel ist: Wollen wir nur unseren Unmut über die Situation loswerden? Dann ist Schimpfen natürlich perfekt – hilft aber dem Kind kein bisschen und dem Problem auch nicht. Wollen wir unser Kind „erziehen“ auf eine kühle, harte Art und Weise? Dann sind Schimpfen und auf gar keinen Fall helfen der richtige Weg – lassen aber unsere Beziehung zum Kind bröckeln und sein Vertrauen in uns kaputt gehen.

Wollen wir unser Kind begleiten, unterstützen, erreichen, dass es ein Mensch wird, der um Hilfe bitten kann? Wollen wir, dass unser Kind etwas Positives aus der Situation lernt? Wollen wir, dass es anzunehmen lernt, wenn ihm jemand hilft – oder aber auch wenn ihm jemand erklärt, warum ihm unterstützen gerade nicht möglich ist? Dann sind wir auf dem beziehungsorientierten Pfad unterwegs!

Bild

Des Weiteren beeinflusst uns, wie wir Kinder sehen, was für ein Bild von jungen Menschen wir haben: Stehen wir ihnen misstrauisch gegenüber und haben einen negativen Blick verinnerlicht? Oder sehen wir Kinder grundsätzlich erst mal positiv, optimistisch, begegnen ihnen mitfühlend und verständnisvoll? Ersteres ist gar nicht so selten, wird auch gerne unterfüttert von leisen inneren Stimmen und lauten öffentlichen Aussagen – die Tyrannen!!

Letzteres müssen wir Eltern uns dann manchmal bewusst erarbeiten: Kinder sind nicht von Natur aus böse, berechnend und faul; sie sind kooperativ, sozial und auf Entwicklung aus. Wenn sie dem nicht nachkommen, dann hat das Gründe, die nicht im Kind liegen, sondern in dem, was es erlebt hat, wie ihm begegnet wird. Selbst ein tatsächlich eher träges Kind wird richtig begleitet nicht beständig träge sein.

„Ich hab Vertrauen zu meinen Kindern. Sie tun ihr Bestes. (…) Ich glaube, dass Kinder Mitgefühl lernen, indem sie es erfahren.“

@das_weib, Twitter

Was können wir in Beziehung tun?

Entweder leben wir also keine echte, gesunde Beziehung, weil unsere Grundhaltung autoritär ist, unser Ziel das Lernen des Kindes durch Denkzettel und unser Bild das von egoistischen, arbeitsscheuen und unsozialen Kindern ist – krass gesagt, ja, aber es geht mir um die Richtung: es geht mir darum zu hinterfragen, was wir fühlen und sehen. Vielleicht wurde uns immer so begegnet, als wir noch Kinder waren? Als wir Schüler waren oder Auszubildende? Vielliecht wird uns immer noch so begegnet im jetzigen Job??

Dann können wir uns hoffentlich auf Beziehung besinnen oder leben sie vielleicht schon, können eine Hand reichen.

Und damit ist unsere Reaktion ziemlich klar:

  1. Wir bleiben zugewandt, beenden das Thema nicht sofort, blaffen nicht drauf los, suchen keine Schuld und bestrafen dann auch noch. Wir hören zu, wir sind da. (Und natürlich kann es jedem beziehungsorientierten Elternteil auch mal passieren, dass er trotzdem den falschen Ton trifft!) – Aber: wir bauen Brücken anstatt sie einzureißen!
  2. Wir überlegen, ob wir handeln, helfen können. Das kann sofort sein, indem wir etwas hinterherbringen o.ä. Das kann auch später sein, indem wir mit dem Kind überlegen, was falsch gelaufen ist und wie man es besser organisieren kann. Und: wenn wir nicht helfen können, weil uns Zeit, Kraft, Geld, Gelegenheit o.ä. fehlen, dann sagen wir das ehrlich!

In den späteren Reflexionsprozess gehört immer auch zu gucken, ob ich als Elternteil etwas versäumt habe. Vielleicht ist mein Kind mit 9, 11, 13 oder 15 doch noch nicht so weit wie ich dachte. Wir haben es probiert, aber es klappt nicht so gut. Anstatt ihm das zum Vorwurf zu machen, gilt es, ins Gespräch zu gehen und auch zu schauen, ob ich als Mama oder Papa doch wieder mehr Verantwortung übernehmen muss!

„Du willst Hilfe, mein Kind? Ich helfe! So gut ich kann.“