27 Apr

Einen Tag ohne Streit und Stress!

Das wäre es oder? Wie oft höre ich das von Eltern – und kenne es auch selbst aus den Jahren, in denen meine Kinder noch kleiner waren: Bitte einmal nur Ruhe, keinen Stress, keinen Streit, kein Radau…einmal soll alles funktionieren. „Funktionieren“ – der Wunsch ist verständlich, aber am Begriff selbst merkt man schon, dass die Hoffnung in Bezug auf Menschen nicht klug ist.

Streiten gehört zum Menschsein dazu. Und ist im Grunde keine Last, sondern eine sinnvolle Notwendigkeit, um sich einig zu werden. Ja, gefühlt wäre es in unserem Kopf netter, wenn sich einig sein hieße „Alle machen, was ich sage!“. Nur ist das Problem: Das wäre auch für unsere Kinder die schönste Vorstellung. Und allein deshalb klappt es schon nicht!

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29 Mrz

vErWöHnEn – ja oder nein?

Die Vertreter*innen der Bindungsorientierung rufen gerne: „Verwöhn dein Kind, wann immer du magst!“ Die eher konservative, autoritäre Gegenseite sagt: „Niemals Verwöhnen! Sonst hast du am Ende eine Kinderdiktatur zu Hause!“

Es ist wichtig, genau hinzuschauen: Was ist denn Verwöhnen? Was macht das aus? Wann ist es okay? Kann es auch schlecht sein? Wir klären das, damit du sicherer wirst und die richtigen Argumente an der Hand hast bei unberechtigten Vorwürfen.

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19 Mrz

Ein Ding statt Mama oder Papa??

Ein „Übergangsobjekt“ hat manchmal keinen guten Ruf unter beziehungsorientierten Eltern. Immer wieder begegnet mir der Blick, ein Gegenstand, der dem Kind mitgegeben wird, um im Kindergarten oder auch zu Hause in der Nacht besser zurechtzukommen, sei doch eigentlich irgendwie eine Gemeinheit und schlecht. Schnuller statt Brust, Teddy statt Papas Hand, Halstuch statt Mamas Arme? Was ist da dran?

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05 Nov

Auf die Haltung kommt es an

Auf Twitter wird mir ein Video in die Timeline gespült. Es zeigt eine Familie mit mehreren Kindern. Eines der Kinder hat offensichtlich Geburtstag und versucht, die Kerzen auf dem Kuchen auszupusten. Sein kleines Geschwisterchen, vielleicht zwei Jahre alt, will mitpusten. Der Vater steht hinter den Kindern und hält dem Kleinen immer dann einen Pappteller vors Gesicht, wenn er anfängt zu pusten. Das Kind schreit und tobt immer heftiger. Der Vater grinst in die Kamera.

Ich sehe etwas anderes als die anderen

Ich reagiere sehr spontan mit geradezu körperlichem Unwohlsein: Ein dicker Knoten aus Mitleid und Wut bildet sich in meinem Bauch. Ich schaue in die Kommentare: Sehr viele Lachsmileys. Ich sehe auf den ersten Blick keine Kritik. Wir sehen also offenbar ganz unterschiedliche Dinge. Denn würden die anderen das sehen, was ich sehe, würde wohl kaum jemand darüber lachen.

Was also sehen die anderen? Ich stelle mir vor, dass sie ein tobendes Kleinkind sehen, das unangemessen heftig reagiert und in dieser Heftigkeit lächerlich wirkt. Vielleicht sehen sie auch Eltern, die ganz cool und lässig mit diesem Wutanfall umgehen. Klar, so ist es am besten: drüber lachen! Humor hilft doch in schwierigen Momenten, oder nicht?

Wut ist die Spitze des Eisbergs

Was sehe ich? Ich sehe ein verzweifeltes Kleinkind, ohnmächtig in seiner Wut. Niemand geht mit diesem Kind in Verbindung, niemand zeigt Mitgefühl. Der Vater führt sein Kind vor. Immer wieder grinst er beifallheischend in die Kamera. Der Rest der Familie wirkt unbeteiligt. Dieser kleine Kerl ist wirklich völlig allein mit diesem ihn überschwemmenden Gefühl. Ja, er wird dabei sogar gefilmt und das Video danach online gestellt, zur Belustigung der ganzen Welt.

Naja, könnte man jetzt einwenden, es ist halt ein Wutanfall, weil er nicht bekommt, was er will. So sind kleine Kinder eben, das muss man mit Humor nehmen. Es ist doch nur Wut. Wut ist aber kein primäres Gefühl. Hinter Wut stecken immer andere Gefühle: Schmerz, Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht – oft eine bunte Mischung aus diesen Emotionen. Die Wut ist nur die Spitze des Eisbergs, das sichtbare Verhalten. Wenn ich das weiß, wirkt die kindliche Wut gleich viel weniger lächerlich. Sie ist Ausdruck höchster Verzweiflung.

Auf die Haltung kommt es an

Schaffe ich es, mit jedem Wutanfall meiner Töchter (4 und 1,5) ideal umzugehen? Immer geduldig und zugewandt? Hell no. Manchmal werde ich laut, manchmal gehe ich aus dem Zimmer, manchmal bin ich schrecklich genervt. Es geht mir sicher nicht darum, dass wir Eltern immer perfekt sein müssen.

Aber ich wünsche mir eine Haltung kleinen (und großen) Menschen gegenüber, die negative Gefühle ernst nimmt. Ich kann deinen Schmerz vielleicht nicht nachvollziehen, aber ich sehe ihn. Ich erkenne ihn an. Ich lache nicht über ihn.

Das übe ich übrigens auch bei mir selbst, und das ist vielleicht das Schwierigste: Auch meine negativen Gefühle sind valide. Ich sehe sie. Ich rede sie nicht klein. Ich rationalisiere sie nicht weg. Ich nehme sie an. In der Hoffnung, dass ich diese Haltung auch meinen Kindern vermitteln kann.


Dieser Text stammt von Neumitglied Stephanie Siebert.

Sie wurde am 4. Juni 1981 in Niedersachsen geboren und lebt mittlerweile mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Nürnberg. Nach ihrem Studium der Germanistik mit Schwerpunkt Journalistik in Bamberg war sie 14 Jahre lang Redakteurin bei der Nürnberger Zeitung. In dieser Zeit kamen auch ihre beiden Töchter zur Welt, und sie beschäftigte sich zunehmend mit bindungs- und beziehungsorientierter Elternschaft. Seit 2014 ist sie als @das_weib bei Twitter und steht dort in regem Austausch mit anderen Eltern.

2020 war dann in mehr als einer Hinsicht ein Jahr des Umbruchs: Steffi unterschrieb einen Aufhebungsvertrag, begann eine Ausbildung zur systemischen Beraterin (DGSF) und eine Weiterbildung zur bindungs- und beziehungsorientierten KBV-Kursleiterin bei Bindungsträume-Mitglied Katharina Saalfrank.  Ihr Ziel ist es, Eltern zu beraten und zu begleiten bei allen Fragen, die sich im Alltag stellen: Vereinbarkeit, Aufgabenverteilung, Partnerschaft, Er- bzw. Beziehung, persönlicher Freiraum und alles, was sie sonst noch bewegt. Und darüber schreiben möchte sie außerdem – unter anderem hier.

24 Aug

Béa Beste: „Erziehen ist ein Kinderspiel“ – ein echtes Bindungsbuch!

WOW! Ich habe „Erziehen ist ein Kinderspiel“ von Béa Beste (Trias Verlag) von vorne bis hinten verschlungen und bin tief beeindruckt. Davon muss ich unbedingt erzählen, aber das wird gar nicht so leicht, denn das Buch ist so ausführlich und umfassend… Ich versuche, das möglichst gut hier aufzuführen, aber zunächst hilft vielleicht erst einmal eine Einordnung: Was ist das denn für ein Buch?

„Erziehen ist ein Kinderspiel“ klingt in einigen Ohren vielleicht erstmal frech oder gar beleidigend. Ein Kinderspiel?? Ist es doch gar nicht!! Elternsein ist doch immer wieder so fordernd und anstrengend.

Und in anderen Ohren klingt es altmodisch bis autoritär: Erziehen? Wollen wir nicht endlich von Begleiten und Beziehung sprechen?? Weiterlesen

09 Aug

Nora Imlau: „Mein Familienkompass“

Hast Du Dir schon mal überlegt, warum Du bei Bindungsträume im Blog liest? Wieso Dir Eltern-Kind-Bindung so wichtig ist, dass Du Accounts zum Thema folgst und in Gruppen bist, die sich damit befassen?

Warum verbringst Du nicht genauso viel Zeit in Foren mit dem Titel „Wie putze ich mein Badezimmer richtig?“ oder „Butter flott selbstgemacht!“?

Die naheliegenden Antworten wären beispielsweise, weil es um Menschen geht – auch noch um Dein Kinder. Weil da Liebe ist. Individueller wäre eventuell noch „weil ich so lange auf unser Wunder gewartet habe“ oder vielleicht auch „weil mit mir als Kind so schlecht umgegangen wurde“.

Doch das geht noch viel tiefer.

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08 Aug

Pubertät x 2 – Teeniegeschwister im Streit

Wenn wir unsere Kinder beziehungsorientiert beim Aufwachsen begleiten, gehört es auch dazu, dass jedes Kind für sich gestärkt wird in seinen Bedürfnissen und Leidenschaften, um eine gesunde Persönlichkeistentwicklung durchlaufen zu können, sowie dass wir gemeinsam mit ihm gute Konfliktführung üben: den Blick auf Lösungen richten, Rederegeln finden, Pausen zulassen, Argumentation üben, den anderen ernst nehmen usw.

Mit diesen beiden Pfeilern (und mehr) als Basis sollten unsere Kinder stark in die Pubertät gehen im Bereich „Streitigkeiten“: Dispute mit Lehrern, Stress mit Freunden, Konflikte mit Fremden sollten sie also meist schon gut angehen und selbständig führen können. Und auch Geschwisterstreit, der unser Familienleben in den ersten Lebensjahren der Kinder oft übermäßig stark bestimmt und uns manchmal fast den Atem nimmt, sollte langsam weniger werden bzw. sinnvoller geführt werden können.

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06 Aug

Katja Seide & Danielle Graf & Günther Jakobs: „Baby ist da“

Geschwistereifersucht ist schon Thema, noch bevor es überhaupt ein zweites Kind in unserem Leben gibt: Wir sorgen uns, wie das alles werden soll zu viert. Für uns selbst, mit den Terminen und Verbindlichkeiten, mit den Alltagabläufen, dem Schlafen – und vor allem für unser erstes Kind, das dann großer Bruder oder große Schwester wird.

Texte, die uns Erwachsenen helfen, den Fokus richtig zu legen und unser Bestmöglichstes zu tun, damit unser erstes Kind sich sicher und geliebt fühlt (ohne Garantie, dass die Eifersucht nicht doch doll durchschlagen wird), gibt es viele; Kinderbücher, die einen beziehungs- und bedürfnisorientierten Blick haben und den Alltag realistisch, aber doch kindertauglich und auch noch warm zeigen, eher wenige. Oft sind sie für mich sehr „zeigefingerig“, theoretisch irgendwie. Man fühlt nicht mit bei der Lektüre.

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10 Mai

Kinder brauchen Verabredungen

In meinen Beratungen äußern viele Familien sich zu ihrem Stress rund um immer wiederkehrende Situationen, in denen es zu Gezanke, Gebrülle und Unzufriedenheiten kommt. Auf allen Seiten! Wenn wir dann gemeinsam genauer hinschauen, zeigt sich oft, dass jeder der Beteiligten ein Bild im Kopf hat, wie es laufen sollte, aber

  • diese Vorstellung passt gar nicht zum wirklich Machbaren – weil der Alltag nun mal andere Erfordernisse mit sich bringt, die Kinder zu klein, die Eltern zu rasch wütend sind oder oder oder
  • die eigene Idee dem Gegenüber gar nicht klar ist.

Es mangelt also an Kommunikation und auch Perspektivenwechsel. Ich schaue dann mit den Eltern hin, ob sie schon sicher wissen, was ihr Kind möchte oder wie sie das herausfinden können; und wir schauen hin, was die Eltern sich vorstellen, ob das im Alter ihrer Kinder überhaupt möglich ist und auch ob sie das gut vermitteln können. Und wir blicken auch darauf, ob sich die Eltern vielleicht zu wenig zeigen oder aber im Gegenteil zu autoritär sind:

  • Wer seine Bedürfnisse nicht klar zeigt, kann vom Kind nicht gesehen werden.
  • Wer allein seine Bedürfnisse in den Vordergrund stellt, kann nicht viel Kooperation erwarten.

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27 Apr

Wutanfälle als Chance zu lernen und sich zu verbinden

Dankbar für einen Wutanfall? Echt jetzt? Genau das meint Daniel Siegel, Professor der Psychiatrie und Leiter des Mindful Awareness Research Center der University of Carlifornia. Der Autor von Werken wie „Achtsam Kommunikation mit Kindern“ oder „Gewahr sein“ sieht in emotionalen Ausbrüchen unserer Kinder Gelegenheiten. Gelegenheit zu lernen und sich mit ihnen zu verbinden.

Im Wutanfall ist unser Kind im Ausnahmezustand. Auch im kindlich Gehirn geht es jetzt drunter und drüber – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Die „unteren“ und entwicklungsgeschichtlich älteren Gehirnregionen übernehmen die Kontrolle und die oberen Gehirnregionen fahren teilweise runter.

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