22 Mai

ROOOOAAARRRRR! – Löweneltern brauchen wir.

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich es zuerst geschrieben habe … da ging es um mich und wie ich mich empfunden habe. Es war ein Moment der Erkenntnis:

„Ich war eine Löwenmama!“

Mir waren alle anderen egal – ich habe nur mein Kind gesehen und gekämpft.

Und inzwischen schreibe und sage ich es ganz oft zu anderen Eltern: „Sei stark, trau Dich, schau nur auf Dein Kind! Steh hinter ihm, sei eine Löwenmama / ein Löwenpapa! Sag, was es braucht. Sag klar und deutlich, was Ihr wollt! Sag, dass Du es liebst, egal, was los ist, egal, was es vielleicht gemacht haben mag.“

Ich habe ein ganzes Stück Weg gebraucht, aber bin mit meinen Kindern wunderbar da hineingewachsen. Sie haben mir gar keine andere Möglichkeit gelassen. Diese kleinen Wesen, die noch nicht selbst für sich sprechen und einfordern können. Die erst nur weinen und schreien, dann durch Gesichtsausdrücke, Wutanfälle, Schubsen oder Beißen, „unangepasstes Verhalten“, sogenanntes „Sich-nicht-an-Regeln-Halten“ und Auffallen zeigen, dass etwas nicht stimmt. Die dann in der Außenwelt immer wieder auf Unverständnis treffen.

Manchmal sind es Menschen, denen die Zeit fehlt für den genaueren Blick. Manchmal sind es welche, denen der richtige Hinweis fehlt und die dankbar sind, wenn man diesen gibt. Aber manchmal treffen unsere Kinder auch auf Menschen und Situationen, die unfair sind, wo sie passend gemacht werden sollen, wo sie als störend empfunden werden und kein Platz ist, sie zu nehmen, wie sie sind, wo vielleicht sogar vorverurteilt wird wegen vorangegangener Geschehnisse. Ab und an begegnen unsere Kinder alten Strukturen und Denkmustern, die wehtun, die wir nicht für sie wollen, die vollkommen abwegig sind und nur noch existieren aus Gewohnheit, Bequemlichkeit, weil keiner sie hinterfragt, weil Erwachsene denken, sie seien im Recht, weil sie „die Großen“ sind.

Diese Momente sind zahlreich. Es gibt sie in der Schule, es gibt sie im Alltag beim Einkaufen, bei Begegnungen auf dem Bürgersteig, im Wartezimmer beim Kinderarzt, beim Familienfest im Schlosshotel, in Momenten, wenn unsere Kinder auf andere, fremde Eltern treffen…

 

Da stehen wir Eltern dann. Müssen uns entscheiden, wie wir reagieren. Und in uns spielt sich vieles ab.

Wer spricht mit uns?     Der Arzt, die eigenen Eltern, der Lehrer, eine ältere Dame, ein Freund?

Wo passiert das ganze?     Vor den Augen des halben Kaufhauses, den Ohren der halben Schule, im Esszimmer des besserwisserischen Schwagers, in der altklugen Spielgruppe?

Wann geschieht das ganze?     Nach einer Nacht mit wenig Schlaf, einem fürchterlichen Streit mit unserem Ältesten, einer Diskussion mit unserem Partner über das kaputte Auto, wenn wir Kopfweh haben, kurz vor den Zeugniskonferenzen, nach zwei Wochen Magen-Darm-Ping-Pong, mitten im Großeinkauf?

Uffz. So viele Faktoren. Da hilft nur eins: vors innere Auge müssen zwei Bilder: das Kind, um das es geht, am besten in Rosarot. Und ihr selbst, als Löwenmama/papa! Stark und schlau und selbstsicher. Beschützend. Ihr kennt Euer Kind am besten, jetzt in diesem Moment, auf den es ankommt.

Es ist egal, was der Schwager, der Verkäufer, die Nachbarn denken. Es ist egal, ob sie die Köpfe schütteln. Es ist egal, was im Lehrerzimmer über Euch getuschelt wird. Es ist egal, ob andere Euch peinlich finden, in Schubladen stecken, sich abkehren.

Lasst die Leute reden!

 

Sehr wahrscheinlich werden sie Euch in Wahrheit ohnehin eher beneiden, mittelfristig erkennen, wie stark Ihr seid, wie unabhängig von äußerer Bestätigung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen sich abwenden, weil sie mit dieser Klarheit nicht umgehen können, aber das sind wenige – und verzichtbare. Die meisten wissen schnell, was sie daran haben, und dass sie es sich nicht leisten können, Euer Kind aus dem Blick zu verlieren oder gar unfair zu behandeln, seine Integrität zu verletzen, weil sie wissen, Ihr kümmert Euch!

Und das Wichtigste ist ohnehin: Euer Kind soll sich gut fühlen, es soll fühlen, dass Ihr da seid, egal was gewesen ist, wie es sich verhalten hat. Es ist Euer Kind und Ihr seid voller Liebe, auch wenn es vielleicht sogar tatsächlich mal nicht nur ausgeflippt ist oder dem Lehrer zu laut gesungen hat, sondern geklaut, geschlagen, gelogen hat. Es hatte einen Grund! Ihm hat etwas gefehlt, es kommuniziert mit Euch. Geht (wieder) in Beziehung und findet heraus, was los war. Steht zu Eurem Kind. Vor allen Leuten. Immer.

Wie kann ich üben, mein Kind zu sehen und die Gedanken daran auszublenden, was die anderen von mit denken?

Ich glaube, eine gute Methode, um in Stresssituationen einen starken Rücken zu haben und die Umwelt zu Gunsten des Blickes auf das Kind auszublenden, ist es, das in schönen, normalen Momenten zu versuchen.

Traut Ihr Euch, mit Eurem Kind zu lachen, zu singen, zu tanzen, egal wo Ihr seid? Geschichten weiterzuspinnen, egal wie verrückt sie sind und welche merkwürdigen Blicke die Umstehenden in der U-Bahn Euch zuwerfen? Könnt Ihr alle Fragen Eurer Kinder beantworten, auch im Supermarkt, zwischen neugierigen Ohren, ohne rot zu werden, ohne Euren Kindern zu sagen: „Das ist noch kein Thema für Dich!“ oder: „Das ist viel zu kompliziert für Dich!“?

Versucht es mal. Taucht ein in seine Welt. Schafft Rosawattewolkensituationen. Seid wieder Kind und vergesst Begriffe wie peinlich, Sätze wie „Das gehört sich nicht,“ und genießt die Unbeschwertheit. Versucht jedes komplizierte Thema runterzubrechen auf den Erfahrungshorizont Eures Kindes, sucht eine Antwort.

Auch wenn Ihr ins Stocken geratet, nicht druckreif wie im Sachbuch erklärt – das ist niemals peinlich! Auch wenn Ihr beim Tänzeln Kopfschütteln erntet und auf der anderen Straßenseite Herr Xy vorbeigeht – Ihr seid niemals schwach in diesen Momenten.

Ihr seid stark. Ihr seid da. Ihr seid Löwen.

Das gibt Mut für die wirklich ekligen Momente.

 

IH

3 Gedanken zu „ROOOOAAARRRRR! – Löweneltern brauchen wir.

  1. Oh wie schön geschrieben! „Stark und schlau und selbstsicher“ – wollen wir alle sein, nicht nur für unsere Kleinen, sondern auch für uns selbst. Trotzdem können wir uns davon, was andere gerade wohl über uns „denken“, nicht loslassen… Das Problembewusstsein ist der erste Schritt. Dann wird es schon gut laufen… Liebste Grüße, Pia

  2. Hallo,
    ich finde diesen Beitrag sehr schön geschrieben. Er zeigt, wie wichtig die Bedürfnisse eines Kindes sind und dass es für jedes Verhalten auch einen Grund gibt. Außerdem werden gesellschaftliche Normen (auf der Straße singen und tanzen,…) hinterfragt. Diese Aspekte sehe ich genauso.
    Allerdings fehlt mein ein sehr wichtiger Punkt: es gibt nicht nur die Bedürfnisse des Kindes, sondern auch die der Eltern bzw. der Umgebung. Meiner Meinung nach ist es für ein Kind wichtig zu erfahren, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben und man manchmal „zurückstecken“ muss. Natürlich muss dies dem Kind altersgerecht erklärt werden. Ich denke, das ist die Basis für ein gelungenes soziales Miteinander.
    Abschließend: selbstverständlich stehe ich immer zu meinem Kind. Jeder baut mal Mist. Kinder verhalten sich nun mal oft „unangepasst“, weil sie verschiedene Verhaltensweisen erst ausprobieren müssen.

    Ich hoffe meine Message ist rüber gekommen 😉

  3. Pingback: Aufruf für eine kinderfreundliche Gesellschaft! – kleiner Mensch

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