18 Apr

Vernachlässigung… Verwöhnen… Strengsein… Überregulieren? Wie denn nun?

Die Unsicherheit im Baby-, Kleinkind- und Grundschulalter ist groß: Immer wieder wird in Gruppen, Beratungen, Gesprächen gefragt, wie man handeln sollte, wo die Grenzen seien. Ist das schon Vernachlässigung? Ist das jetzt Verwöhnen? Muss man doch mal streng sein? Braucht jedes Kind Regulation? Kann man ganz ohne Unterstützen und Kontrolle auskommen? Geht es rein selbstbestimmt, und funktioniert das ohne Hilfe? Oder ist das dann Verwahrlosung, vielleicht dieses „laissez faire“?

Theorien, Unsicherheiten, Ängste, Gespenster treffen aufeinander. Sicher ist vermutlich nur, dass es nicht den einen Weg für jede Familie, nicht mal für jedes Kind gibt.

Was brauchen unsere Kinder, um selbst gut entscheiden zu können?

Kinder, die dem Babyalter entwachsen sind, entwickeln sich noch ganz stark im emotionalen und kognitiven Bereich, sind da ganz unterschiedlich aufgestellt und benötigen uns Eltern als Vorbilder, Händchenhalter, Sprachgeber und Wegweiser. Sie müssen erkennen lernen, ob das, was sie vorhaben, ein Bedürfnis, ihr Wille, ihr Wunsch, nur eine Idee, ein fester Plan ist, unabdingbar oder aufschiebbar und abzuändern. Sie müssen Wut und eigenes Temperament, Angstgefühle und Sorgen, Glückssehnsüchte integrieren, Geduld und Empathie üben. Sie müssen oft erst noch ein echtes Verständnis für Zeit entwickeln und einen Maßstab, um Dinge, die sie tun, differenziert bewerten zu können, und sie nicht einfach nur als „angenehm“ einzustufen.

Sie müssen… Wir müssen das alles auch, eigentlich, damit das soziale Zusammenleben gut gelingt – und können es nicht immer. Darum gilt es, den Kindern mit Verständnis zu begegnen und, wie immer als AP-Eltern, in Beziehung zu gehen und genau hinzuschauen:

Was kann das Kind schon, was noch nicht, was steckt genau dahinter? Was kann ich ihm abnehmen – und was kann ich ihm zumuten?

Diese Einschätzung kann niemand von außen treffen. Das kann nur die Familie selbst für jedes Kind tun. Was ist in unserer familiären Situation möglich? Was ist unserem Kind möglich? Was gefährdet niemanden (was wiederum eine individuelle Einschätzung ist)?

Foto: Hummel privat.

 

Wie können die Wege verschiedener Eltern aussehen?

Und damit sind wir an dem Punkt vom Anfang des Textes; die Wege können unterschiedlich aussehen, zum Beispiel so:

a) Einige Eltern landen hier auf einem Weg der Vernachlässigung. Sie missachten ihr Kind, überfordern es damit; es zeigt ihnen diese Überforderung in einer Art, die von Menschen mit nicht-liebevollem Blick auf Kinder gerne als „Tyrannenhaftigkeit“ bezeichnet wird – und diese Eltern reagieren dann plötzlich über, indem sie nun aber wirklich mal Strenge und Härte, Willkür und Strafen walten lassen.

b) Andere Eltern vernachlässigen anders, missachten ihr Kind auf eine eher liebevoll gemeinte Art, lassen es machen, alles, immer – überfordern es damit aber genauso. Auch hier wird es zu Problemen kommen, aber ohne Strenge als Reaktion. Doch wieder wird Beziehung fehlen, und erneut wird das Kind keine Möglichkeit haben, sich mit den Eltern zu entwickeln, von den Eltern zu lernen.

c) Wieder andere Eltern werden ihr Kind verwöhnen, was ab einem gewissen Alter wirklich möglich ist – dann nämlich, wenn das Kind sich nach der Babyzeit aus der engen Bindung lösen und eine gewisse erste Selbständigkeit suchen möchte. Das Kind wird zu viel Hilfe bekommen, wo es eigentlich keine benötigt, und seine Eigenständigkeit wird verhindert. – Hier gilt es stattdessen, genau zu beobachten, Vertrauen zu entwickeln, Verantwortung abzugeben – aber niemals vom Kind geforderte Hilfe oder Nähe hart abzulehnen! Es kann eine Gratwanderung sein.

Dies führt uns zu d) Inbeziehunggehen! Wir sollten genau schauen, was das Kind sagt und zeigt. Wir sollten Vertrauen entwickeln und unser Kind ausprobieren und auch mal auf die Nase fallen lassen – weder beispielsweise Schokoladenbauchschmerzen oder eine 5 im Vokabeltest sind ein Weltuntergang. Danach kann man besprechen, ob es vielleicht doch besser wäre, wenn die Eltern wieder etwas beim Süßigkeiteneinteilen oder Lernplan helfen sollen.

 

BINDUNGSORIENTIERTE ELTERNSCHAFT HEISST HIER:

Hinsehen, den Emotionen und Geschehnissen Namen geben,

den Kindern beim Bewerten helfen

und sie emotional durch diese Unterstützung entlasten,

gute Strukturen vorleben (und das Imitationslernen nicht unterschätzen),

regulieren wenn es nötig erscheint

und zu so viel Eigenständigkeit verhelfen wie möglich.

 

Wie erkenne ich, dass mein Kind schon sehr gereift ist?

Ein gutes Kennzeichen dafür, dass ihr den Kindern da ganz viel zutrauen könnt, ist, dass sie einen einmal gefassten Willen ohne viel Hilfe wieder aufgeben können, wenn sie erkennen, dass ein Aufschub gerade sinnvoll ist, jemand anderem hilft oder dass ein anderer Weg klüger ist. Das ist eine große, planerische und kognitive sowie auch empathische Leistung, für die das Gehirn erstmal reifen muss und zu der man außerdem langsam hinkommen muss. Natürlich geht das am besten, wenn man es üben darf. Kinder möchten kooperieren (Heute schon kooperiert?), Kinder möchten entscheiden. Oft helfen kleine Rituale, manchmal reichen kleine Erinnerer, damit sie den Rest alleine schaffen (Erinnerer – Kleine Alltagshelfer), und wenn Ihr dann noch bedenkt, dass Eure Bedürfnisse auch zählen dürfen (Wir wollen auch dann noch ein Paar sein, wenn die Kinder aus dem Haus sind), findet Ihr gemeinsam bestimmt gute Wege durch den Gespensterwald aus Verwöhnen, Vernachlässigen, Strengsein und Überragulation – hin zu Vertrauen.

IH

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