16 Mai

Wir waren schon einmal eine bindungsorientierte Gesellschaft

Stillen, Tragen, Familienbett. Was für viele bindungsorientierte Familien seit Jahren selbstverständlich ist, kommt erst langsam im Mainstream an. Viele Vorurteile müssen noch beseitigt werden. Das Tragen ist zwar mittlerweile recht weit verbreitet, aber das Familienbett ist vielen Außenstehenden noch immer nicht geheuer. Und obwohl sich prinzipiell alle einig sind, dass Stillen gesund ist, scheiden sich die Geister über das Wie oft, Wie lange, Wann und Wo.

Noch vor 200 Jahren hatten wir eine Säuglingspflegekultur, die eine sehr gute Basis für gesunde Bindungen bot. Auch wenn der Begriff und das Prinzip Bindung damals noch kein Thema waren, so wurde im Großteil der Bevölkerung intuitiv dafür gesorgt, dass Bindung stattfinden konnte.

Insbesondere unsere Wochenbettkultur war eine Bindungsschmiede. In der Neugeborenenzeit hatte sich die Mutter nur um ihr Baby zu kümmern. Sie selber wurde bemuttert und ihre Pflichten wurden von anderen übernommen. Das Baby schlief bei der Mutter im Bett oder in einer Wiege daneben. Gerade in den Bauernfamilien schlief nicht selten die ganze Familie in einem Raum. Das sieht man schnell bei einem Besuch in einem Freilichtmuseum.

Der Kinderwagen wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfunden und wurde erst in der zweiten Hälfte des Jahrunderts für größere Teile der Bevölkerung erschwinglich. Noch 1875 war der Gebrauch des Kinderwagens in einigen Städten Deutschlands wegen des Kopfsteinpflasters und der mangelnden Federung der Wagen polizeilich verboten.

Getragen wurden die ganz kleinen Babys meist in sogenannten Steck- oder Tragebetten, in denen sie eingewickelt waren, so dass der Rücken Halt bekam, sie sich aber kaum bewegen konnten. Ab Sitzalter wurde dann im Tragemantel getragen. Das war eine Art Cape für die tragende Person, in das das Kind eingewickelt wurde.

Stillen lernten die Mädchen durch Vorbilder, so dass sie wussten, was zu tun ist, sobald sie selber Mutter wurden. Gestillt wurde nach Bedarf und oft bis weit ins zweite Lebensjahr hinein. Doch auch vor 200 Jahren gab es schon Babys, die nicht gestillt und mit Ersatzmitteln groß gezogen wurden. Das Nichtstillen begann in Süddeutschland und in der Schweiz und breitete sich von dort nach Norden aus. Im Jahr 1900 wurden in Berlin nur noch 32,5% aller Säuglinge gestillt.

Die Entwicklung weg von der bedürfnisorientierten Säuglingspflege dauerte mehrere Generationen. Die Entwicklung zurück scheint zum Glück wesentlich schneller zu gehen. Nicht zuletzt, weil Informationen im heutigen Zeitalter leichter zugänglich sind, und der Austausch und Rückhalt innerhalb der bedürfnisorientierten Community durch Organisationen wie Bindungs(t)räume gefördert wird.

Wer sich für die Entwicklungen in der Säuglingspflege in den letzten Jahrhunderten interessiert, findet umfangreichen Lesestoff auf dem Blog Geschichte der Säuglingspflege von unserem neuen Vereinsmitglied Karin Bergstermann.