28 Okt

Anke Elisabeth Ballmann: „Seelenprügel“

Es gab Zeiten, da konnte sich niemand vorstellen, dass es bei uns mal verboten sein könnte, ungewollte Kinder auszusetzen, Mädchen vom Schulunterricht auszuschließen, Frauen schuldig zu scheiden, im Restaurant zu rauchen, Kinder in der Schule zu schlagen oder oder oder.

Im Moment kann man es sich schwer vorstellen, dass es mal komplett verschwunden sein wird, dass Kinder in ihren Familien oder in Außer-Haus-Betreuung ohne das Risiko psychischer Gewalt leben könnten. Zu viele alte Glaubenssätze schwirren noch in den Köpfen der Erwachsenen umher, zu viele üble Vorgehensweisen und Muster stecken uns noch in den Knochen, bestimmen die tagtäglichen Abläufe.

Immer machst Du alles falsch!

Bist Du doof oder was?

Du bist das schlimmste Kind von allen!

Wer sich mit 5 Jahren noch einpieselt, kann sich im Flur umziehen!

Das hast Du ja schon wieder wunderbar gemacht!!!

ABER: man kann dafür kämpfen, dass sich etwas ändert.

Das tut Anke Elisabeth Ballmann mit ihrem Buch „Seelenprügel“ (Kösel Verlag). Ja, der Titel erschreckt einige Eltern – das habe ich inzwischen schon zurückgemeldet bekommen. Doch er ist wichtig, damit unser Augenmerk überhaupt auf dieses Thema gebracht wird.

Nein, es geht nicht darum, Außer-Haus-Betreuung schlecht zu machen. Es geht nicht darum, Eltern, die ihre Kinder früh in andere Hände geben, ein schlechtes Gewissen zu machen. Es geht nicht darum, Pädagogen per se schlecht zu machen. Es geht auch nicht darum, Erziehern nicht zuzugestehen, mal einen Fehler zu machen.

Es geht um mancherorts eingeschlichene feste Strukturen, es geht um Betreuungsqualität, und es geht um Kinderrechte! Ein absolut wichtiges Thema, das es immer wert ist, angesprochen zu werden – und dem nur wir Großen uns annehmen können. Wer soll es sonst für unsere Kinder tun??

Was steckt drin?

Die Autorin berichtet von alltäglichen Abläufen und zu Kindern gesagten Worten in Kindergärten und Kitas; manchmal sind das kleine Sätze, manchmal heftige, sich fortsetzende Umgangsarten oder gar Konzepte. Sie beleuchtet, wie es zu derlei herzlosem Umgang mit Kindern kommen kann und vor allem auch, wie sich etwas daran ändern ließe, damit endlich überall beachtet wird, wie Kinder sind, was Kinder brauchen.

Beziehung. Zeit. Verständnis. Kompromisse. Respekt. Individuelleres Vorgehen. Echte Kooperationsangebote, um auch darauf eingehen zu können. Raum fürs Spiel. Augenhöhe.

Sie fordert einen Eignungstest für pädagogisches Personal, wie es auch für Piloten oder Polizisten üblich ist. Sie wünscht sich ein Bearbeiten von Traumata und integritätsverletzenden Erfahrungen bei Erziehern (auch damit „schwarze Schafe“ nicht nach einer möglichen Kündigung einfach woanders mit ihrer Art weitermachen können). Sie wünscht sich professionelle Teams, die miteinander daran arbeiten, wie der Umgang einer Einrichtung mit den Kindern ist und verbessert werden kann.Sie wünscht sich ein Hinterfragen der eigenen Einstellung bei Erziehern zu U3-Betreuung, Alleinerziehenden, arbeitenden Müttern usw., um Vorurteile aus der Erzieher-Kind-Beziehung heraushalten zu können.

Sie hofft hier auf ein Hinsehen, ein Reiben, Konflikte als Chance!

Sie mahnt, die Macht der Worte der Erwachsenen den Kindern gegenüber nicht zu unterschätzen, und erklärt wie Demütigungen, Isolieren u.ä. Spuren im kindlichen Gehirn und im Verhalten sowie im Stress- und Selbstwert-Empfinden hinterlassen können.

Sie wünscht sich Zivilcourage bei Eltern und Kollegen, damit Missstände wertschätzend, aber klar angesprochen werden, und psychische Gewalt keine Chance mehr hat. Sie fordert uns Leser dazu auf, Kinderrechte bzw. deren Verletzungen sichtbar zu machen und nicht hinzunehmen, nur weil Personalmangel herrscht, Betreuungsplätze rar sind, Gespräche unangenehm sein könnten.

Elternpflicht

Ballmann hofft auf „Reflexion als Prävention“. Das zielt eben nicht nur auf einzelne Mitarbeiter ab, sondern auf ganze Träger, auf die Politik sowie die Ausbildung von Erziehern – und auch auf uns Eltern. Da geht es nicht nur darum, Erzieher anzusprechen, die harsche Worte wählen oder verletzende Methoden anwenden, sondern auch darum, welche Ansprüche wir an die Kitas haben: Bindung ist so viel wichtiger als Bildung, Spiel so viel wichtiger zum Lernen als vorgegebene didaktische und zeitliche Strukturen; Ängste vor abgehängten Kinder sind deplatziert.

Sprich: wenn wir Eltern den Kindergärten gestatten, Räume für individuelles Beobachten statt ständiges Animieren zu sein, wenn wir anerkennen, dass unsere Kinder nicht in die Schule kommen müssen und bereits Namen schreiben, Ziffern erkennen und Stifte richtig halten müssen, sondern dort die Zeit haben, dies alles zu lernen, dann können die Institutionen aufhören, die Kinder zu hetzen, Tage durchzuplanen, Mittagsschläfchen erzwingen oder aber viel zu früh abbrechen zu wollen sowie Inhalte zwangsvermitteln zu wollen.

Die meisten verzichten auf echte Pädagogik, sie arbeiten nicht von Mensch zu Mensch, stattdessen benutzen sie zur Eltern- und Gewissensberuhigung vorgefertigte Programme, die sie halbherzig oder im schlimmsten Fall herzlos durchziehen.

(Ballmann)

Und: wir Eltern können aus der Lektüre auch mitnehmen, dass die gleichen Ansprüche, wie sie an das Personal gestellt werden, auch für uns gelten. Wir sollten hinsehen, wo wir unsere Kinder verletzen, wo wir selbst vielleicht etwas in uns tragen, das uns einen guten Umgang mit unserem Nachwuchs unmöglicht macht, und an dem wir arbeiten sollten.

Wünsche

Anke Elisabeth Ballmann träumt am Ende des Buches gar von einer visionären Kita ohne feste Bring- und Abholzeiten, ohne zeitliche Schemata, mit Tieren und Handwerkern, Großeltern und Fremdsprachlern, mit Herz und gelebtem Kinderrecht, mit Raum und Zeit für Entfaltung, ohne ständige defizitäre Blicke auf die Kinder, mit Alltag und Netz – dem viel genannten Dorf, das Kinder brauchen. Ja, das ist eine Vision. Aber sie kann ein Leitstern sein. Dafür dass wir Zivilcourage zeigen, psychische Gewalt nicht hinnehmen, im Kleinen anfangen, etwas zu verändern.

Wertschätzung ist nötig für seelische Gesundheit.

(Ballmann)

Darum ist dieses Buch für uns Bindungsträumer so relevant. Außer-Haus-Betreuung ist wichtig. Sie kann wahnsinnig gut sein, eine Unterstützung, eine Bereicherung – und ist dies in den meisten Fällen auch, wie die Autorin vielfach betont!

Ich weiß, dass der Personalschlüssel in der Kita-Praxis eine reine Katastrophe darstellt. Es ist nur sehr selten ausreichend Personal da. Die, die anwesend sind, bewegen sich auf einem permanent hohgen Stresslevel. Das Schöne daran: Viele Erzieherinnen machen sogar dann einen ausgezeichneten Job!

(Ballmann)

Aber so lange noch ein Kind psychische Gewalt erfährt, heißt es, für Kinderrechte einzustehen! Augen zumachen gilt nicht.

Darum wünsche ich mir, dass viele Pädagogen und auch Eltern das Buch lesen, es nicht ängstlich zur Seite legen, weil eventuell etwas darin stehen könnte, was uns Bauchweh macht, sondern dass wir die Inhalte annehmen. Wir können uns freuen, wenn es in den von uns gewählten Institutionen ganz anders läuft, und wir können hinschauen, ob im Buch aufgezeigte Mankos unseren Kindern begegnen oder nicht. Wir können ins Nachdenken kommen. Vielleicht atmen wir am Ende erleichtert auf. Vielleicht sind wir am Ende auch bestürzt. Das Risiko müssen wir eingehen! Für unsere Kinder. Und dann gegebenenfalls: handeln.

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DASS WIR AN DIESER STELLE HINSEHEN, HAT NICHTS DAMIT ZU TUN, DASS WIR DAS AN ANDERER STELLE NICHT TUN WÜRDEN; GUTE ERZIEHER BRAUCHEN MEHR ANERKENNUNG, MEHR GEHALT, BESSERE ARBEITSBEDINGUNGEN!