11 Jan

Der Windwürst und das Abstillen

Eine Geschichte vom Abstillen. Zum Selbstlesen für Mütter – und Väter! – mit kleinen oder großen Kindern. Und zum Vorlesen für größere Kinder, die noch gestillt werden, im Abstillprozess sind oder abgestillt wurden.

Hallo! Wer bist Du denn? Ich bin der Windwürst. WIND-WÜRST. Jaja, das kenne ich schon, dass alle nochmal nachfragen, bei dem ungewöhnlichen Namen. Ich mochte ihn zuerst auch gar nicht, aber inzwischen bin ich ganz zufrieden.

Ich bin ein kuscheliger Elefant aus Plüsch und gehöre einem Mädchen namens Katinka. Sie hat mich gleich zur Geburt bekommen, und ich war fast immer an ihrer Seite. Ich saß auf ihrer Babydecke oder lag mal auf einer Sessellehne, während sie gestillt oder in den Schlaf gekuschelt wurde. Manchmal durfte ich sogar mit in den Autositz, wenn sie mit ihren Eltern einen Ausflug machte – das war aufregend! Und sobald sie richtig greifen und halten konnte, hielt sie mich fest: immer am Rüssel.

Was meinst Du? Nein, das tat nicht weh. Erst als die Mama mal sagte, sie wolle „das dreckige Ding mit dem Windwürstchen im Gesicht“ mal waschen, da hatte ich ein wenig Schmerzen im Herzen… Aber ich durfte dann einfach mit Katinka in die Babywanne. Das war so toll! Da konnte meine Katinka schon sitzen und planschen. Und der Name blieb dann einfach in abgekürzter Form: ich war der Windwürst.

Katinka konnte das noch lange nicht aussprechen. Aber das war nicht wichtig. Ich war einfach froh, dass sie immer bei mir war.

Eines Tages hielt sie mich am Rüssel fest und ich hörte, wie ihre Mama mit ihr sprach. Es war ein ganz inniges Gespräch. Sie waren aneinander gekuschelt, und ihr Papa saß auch dabei und strich mit seinen großen Fingern durch ihre dünnen, weichen Haare. Die Mama sagte zu Katinka, dass sie ja schon seit einiger Zeit nur noch wenig stillen würden und sie nun gar nicht mehr stillen wollte. Sie erzählte, warum es ihr so ging, und dass sie aber die Kuschelzeit genauso weiter miteinander verbringen konnten wie bisher, nur eben ohne Brust und ohne Mami-Mimi. – Das Gespräch war lang, und Katinka verstand sicher nicht alle Worte der Großen, aber sie spürte das Gesagte und war damit etwas unsicher. Einerseits war da nervös-ungewisse Freude, weil die Eltern ihr versprochen hatten, sie dürfe mitsuchen nach neuen Wegen, die ihr tags und nachts Ruhe oder Nähe geben; andererseits war da Unglück, weil sie ein Ende spürte, einen Abschied, eine Ungewissheit.

In den nächsten Tagen kam das Thema immer wieder auf, und Katinka war mal still, mal schimpfte sie, mal tobte sie, wenn sie nicht stillen durfte. Mal weinte sie, mal erzählte sie nur in ihren Worten, mal kuschelte sie – ganz doll mit der Mama oder dem Papa und sehr häufig auch mit mir. Sie war traurig! Und manchmal auch ein wenig wütend. Ihr fehlte etwas. Dieses Gefühl war neu für sie und riiiiiesengroß. Ihre Mama konnte ihr das Gefühl nicht wegnehmen, aber weißt Du: die Mama hat ihr doch geholfen. Katinka durfte traurig sein, Katinka durfte wütend sein. Katinka durfte Tränen weinen und in ihren Worten schimpfen. Katinka durfte neue Wege ausprobieren, die an die Stelle des Stillens treten konnten – mal war das eine neu entdeckte Nuckelflasche, auf der auch ein Elefant war, mit ihren liebsten Getränken darin, mal war das ein Kauen auf einem Badebuch, während sie in Mamas Arm lag… Nicht immer waren die Eltern ganz glücklich mit den neuen Wegen, die Katinka einschlug, aber es waren eben Katinkas Wege – gute Kompromisse, die sie selbst gefunden hatte und die ihr halfen.

Mein Rüssel ist in der Zeit ein bisschen länger und dünner geworden, weil ich sehr gedrückt, herumgetragen und auch mal verhauen worden bin. Aber das macht mir nichts! Ich war ein Freund für Katinka. Und ihre Mama war immer noch ihre großartige Mama, nur die Mama-Katinka-Zeit war jetzt eben ein bisschen anders. Aber nicht weniger liebevoll. Ich habe den beiden gerne zugeschaut beim Toben und Schmusen. Ich habe ihnen gerne zugehört beim Singen und Reden. Ich habe beide auch wirklich gerne gerochen – dieser schöne Zuhauseduft!

Es dauerte ein bisschen, bis das Stillen kein Thema mehr zwischen den beiden war. Es gab andere Verbindungen. Und auch andere Streitpunkte. Sie blieben ein gutes Team. Nur einmal, beim Kofferpacken für den Urlaub, waren sie ein schlechtes Team: Mama packte die Koffer, Papa warf noch Sachen dazu, Katinka packte immer mal wieder etwas aus… Schließlich fuhren sie los – und ich lag noch unter Katinkas Schrank!

Es dauerte für mein Gefühl gaaaaaanz schrecklich lange, bis sie wieder bei mir waren. Und auch dann blieb ich unterm Schrank. Katinka schien mich vergessen zu haben. Ich staubte ein, hörte der Familie bei ihrem Leben zu, konnte mich manchmal freuen, war manchmal einsam. Bis eines Tages Katinkas Papa ganz hinten unterm Schrank saubermachte und mich fand. Er strich mir vorsichtig über den Rüssel und pustete mir den Staub vom Kopf. Später freute Katinka sich, mich zu sehen, aber es war nicht wie früher. Ich saß noch eine ganze Weile auf der Sofalehne im Wohnzimmer, bis ich schließlich hierher kam: AUF den Schrank, zusammen mit anderen Spielsachen, „für irgendwann mal“. Ich kann noch immer zu ihr schauen, und manchmal schaut sie auch zu mir.

Ob ich traurig bin? Ich, der Windwürst? Nein! Schau doch, was ich für eine schöne Zeit hatte. Jetzt ist sie vorbei, jetzt ist es anders. Aber ich habe so viel daraus mitgenommen.

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