05 Okt

Ich bin nicht Deine Kurve!

„Ich gehe heute ohne das Schwimmshirt ins Wasser!“ – dieser Satz bedeutete unglaublich viel für die Mutter des Kindes, von dem ich berichten möchte. Wie häufig klagen wir den Druck an, den die Medien uns Erwachsenen machen hinsichtlich des perfekten Körpers? Wie oft machen wir uns Sorgen um unsere Teenies, die das schon dazu bewegt, sich falsch zu ernähren, fürchterliche Selbstbilder zu entwickeln oder gefährliche Prioritäten in ihrem Leben zu setzen. Aber auch unsere kleineren Kinder kann der Themenbereich Körper / Maße / Ernährung / Perfektionsgedanken bereits betreffen – sogar wenn man selbst ganz weit weg davon ist. Unerwartet steckt man mitten drin, viel zu früh.

In diesem Fall war das Kind, von dem ich berichte, im Grundschulalter und suchte im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung U 11 gemeinsam mit der Mutter den Kinderarzt auf. Der Arzt führte das Gespräch fast ausschließlich mit dem Jungen, so wie es üblich ist, um gesicherte Informationen zu bekommen und nicht von den Eltern „schön geredete“. Er hörte also, dass das Kind sich viel bewegte mit seinem Roller oder auf dem Trampolin, dass es im Sportverein war und 2 bis 3 mal pro Woche trainierte; er hörte auch, dass es sich gut und vollwertig ernährte, keine süßen Getränke zum Alltag gehörten, der Umgang mit Süßigkeiten bewusst erfolgte usw. Doch dann wurden die Maße genommen: Größe, Gewicht, Alter – und alles in die BMI-Tabelle im Rechner gepresst.

Das Kind hatte eine Größe und ein Gewicht, die okay gewesen wären für einen 12-jährigen Jungen, er war jedoch erst 10. Das ergab einen BMI von etwa 20. Mit 12 Jahren fällt das unter normalgewichtig, mit 10 Jahren leider nicht. Es zählte nur die Tabelle, nicht was das Kind berichtet hatte, wie es sich zeigte oder bewegte. Der Arzt wartete auch nicht, bis das Kind zur Urinabgabe den Raum verlassen hatte, um das brisante Thema mit der Mutter anzusprechen – nein: zum Kind gewandt sagte er, es müsse aufpassen, was es esse, denn es sei zu dick!

Was sich in diesem Moment und danach in dem Kind abspielte, das sich bis dahin nie groß Gedanken über seinen Körper gemacht hatte, kann man nur erahnen. Es verließ das Untersuchngszimmer für die Urinabgabe, und die Mutter beschwerte sich deutlich beim Arzt! In den folgenden Jahren (!) wurden zu Hause immer mal wieder unauffällig Gespräche eingebaut, die um das Thema kreisten, Selbst- und Körperbewusstsein wurden gestärkt – aber im Schwimmbad und am Strand, beim Schwimmunterricht in der Schule oder im Verein musste fortan das Schwimmshirt anbleiben. Das war der Schutzwall, den der Junge brauchte, um sich sicher zu fühlen; das hatte der Arzt kaputt gemacht. Die kindliche Unbefangenheit war dahin. Mit 10 Jahren.

 

Wehrt Euch gegen solche Einordnungen in Tabellen und Kurven, gegen Bewertungen nach bloßen Zahlen! Seid da für Eure Kinder und stellt Euch klar positioniert dazwischen, wenn jemand mit derartigen Sätzen, Gesten, Bewertungen am Selbstwertgefühl kratzt. Schaut hin, wenn Ihr gesundheitliche Bedenken habt – ja natürlich! Aber lasst Euch nicht sofort verunsichern – und vor allem nicht Eure Kinder!

Mehr als 3 Jahre später saß der Junge in einem Erlebnisbad neben seiner Mutter auf einem Liegestuhl. Sie beobachteten das große Becken. Es hatte sich viel getan in seinem Leben; er hatte Mobbing miterlebt und gesehen, wie stark er sein kann, er hatte tolle Sportabzeichen holen können – er war „gewachsen“, in vielerlei Hinsicht. Plötzlich zog er sich das Schwimmshirt aus und gab es seiner Mama in die Hand mit den Worten: „Das brauche ich jetzt nicht mehr!“ Er stand auf, die Mutter war irritiert. „Ich gehe heute ohne das Schwimmshirt ins Wasser!“ Weg war er. Endlich! Was für ein toller Kerl.

IH

2 Gedanken zu „Ich bin nicht Deine Kurve!

  1. Ein toller Text! Danke!

    Ja, es gibt so viele unsensible Erwachsene, die alles nur schlimmer, nicht besser machen. Gerade Kinderärzte sollten es eigentlich besser wissen.

    In meinem Umfeld sind es aber vor allem Mütter anderer Kinder, die den schlechten Einfluss ausüben (Ein „iss nicht so viel, sonst wirst du zu dick“ an die eigenen Kinder, die spindeldürr sind verwirrt auch das daneben sitzende normalgewichtige Kind).

  2. Unser (ehemaliger) Kinderarzt hat mir seit der U4 jedes Mal erzählt, dass die Tochter zu dick ist und mir sehr restriktive Ernährungstipps gegeben. Das hat mich irgendwann zur Elternberatung der örtlichen Kinderklinik getrieben, die meinten, dass sie auch sehr groß für ihr Alter sei und ich mich nicht verrückt machen soll. Wir versuchten daraufhin einen anderen Kinderarzt aufzutreiben, leider ohne Erfolg. Ich stellte also meine Ohren auf Durchzug so gut es ging, wenn der Kinderarzt wieder mit dem Gewicht anfing.

    Völlig eskaliert ist das Ganze dann aber an einem Termin, wo es um die motorischen Probleme meiner Tochter ging. Der Kinderarzt hat sich meine Tochter angeschaut und direkt gemeint, dass er sich Sorgen um ihr Gewicht macht. Die grobmotorischen Probleme könnten nur davon kommen. Das war nach einmal kurz anschauen ohne wiegen und messen, ohne irgendwas zu untersuchen oder sich richtig anzuhören, was denn eigentlich unser Problem war. Es folgte eine ziemlich heftige Diskussion über die Ernährung meiner Tochter. Schließlich wurde doch noch gewogen und erstaunt festgestellt, dass das Gewicht ja doch einigermaßen im Rahmen liegt.
    Das Ende vom Lied war, dass der Kinderarzt meine Tochter nicht untersuchen konnte, weil sie verständlicherweise nicht mehr wollte. Seine Ansprache speziell für mich im Beisein meines Mannes war: „Sie als Mutter sind verantwortlich für die Gesundheit ihres Kindes.“ Na herzlichen Dank. Ich bin vielleicht stark übergewichtig, aber mein Mann ist immer noch genauso verantwortlich für meine Tochter wie ich.
    Ich bin heulend aus der Kinderarztpraxis rausgegangen. An dem Tag hat meine Schwester Geburtstag gefeiert und es gab Kuchen. Wahrscheinlich glaubt mir kein Mensch, was da bei mir für Gefühle hochgekommen sind.
    Sollte ich meiner Tochter jetzt den Kuchen verbieten? Sollte ich die Portionen auf ihrem Teller wirklich verkleinern? Sollte ich meiner Tochter das Essen verbieten? Sollte ich mit der Kita sprechen und wirklich den Grießbrei als Nachmittagssnack verbieten? Gar keine Süßigkeiten mehr? Sie jedes Mal zusehen lassen, wenn andere etwas ungesundes leckeres essen? Ich war fertig mit den Nerven. Wie kann man kleine Kinder als Arzt so dermaßen auf ihr Gewicht reduzieren?
    Die neue Kinderärztin konnte meine Tochter bei der nächsten U-Untersuchung dann übrigens untersuchen. Sie konnte mich bei der motorischen Entwicklung meiner Tochter beruhigen. Zum Gewicht meinte sie nur, dass sie sich treu geblieben ist. Im November haben wir nochmal einen Kontrolltermin und ich bin da jetzt schon wieder leicht nervös. Manche Kinderärzte wissen gar nicht, was sie eigentlich mit ihren Kurven und Tabellen anrichten können.

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