26 Mai

Einen Koffer in Berlin – Keine Schuldfrage!

Manchmal schenkt einem das Leben unerwartet großartige Lernmomente. So ging es mir auf der Rückfahrt von der Blogfamilia. Zwischen dem Auschecken im Hotel und der Abfahrt meines Zuges war ich noch ein bisschen Berlin-Luft schnuppern und hatte am Ende die Zeit fast vergessen. Gehetzt kam ich auf dem übervollen Bahnsteig an, versuchte mich mit Koffer, Rucksack und Handtasche zum richtigen Gleisabschnitt durchzuarbeiten, an dem der Wagen mit meinem reservierten Platz halten würde, und wurde fast vom einfahrenden Zug mitgerissen. Ich gab auf, stieg irgendwo ein und quetschte mich im Zug durch Reisende, Großraumabteile, Taschenberge bis zu meinem Abteil – im letzten Wagen.

Auch dort war noch „Stau“: alle fünf weiteren Passagiere des Abteils waren in Berlin eingestiegen und sortierten ihre Sachen in die Gepäckfächer und sich auf die richtigen Sitzplätze. Schließlich hatte ich meinen Fensterplatz einnehmen können, schloss mein Handy mittels Ladekabel an die Steckdose an und trank erstmal einen Schluck Wasser.

In dem Moment rief die Frau, die gleich an der Tür saß, laut aus: „Wo ist denn die türkisene Tasche? Hast Du sie??“

Angesprochen war ihr Mann, der ihr gegenüber saß. Nein, auch er hatte die Tasche nicht. Erstaunlich ruhig standen sie auf, suchten nochmal das Gepäcknetz ab, schauten unter ihren Sitzen, auf dem Gang, im Einstiegsbereich des Waggons – vergebens. Die Tasche war nicht da.

„Dann hab ich sie in der Hektik wohl auf dem Bahnsteig stehen lassen“, erklärte die Frau sich, ihrem Mann, uns anderen. Die Gelassenheit bei beiden Betroffenen machte mich richtig sprachlos. Sie überlegten nur, wen sie um Hilfe bitten könnten und was alles in der Tasche gewesen war.  Wäre es meine Tasche gewesen, hätte ich mir schreckliche Sorgen und Vorwürfe gemacht und wäre sicher ein bisschen in Panik verfallen.

 

Auf die Lösung fokussiert

Während der Herr sich an die Zugbegleiterin wandte, die sofort Kontakt zum Bahnhof aufnahm, telefonierte seine Frau mit der gemeinsamen Tochter, die in Berlin lebte, um sie zu bitten, zum Bahnhof zu fahren und zu versuchen, die Tasche wiederzubekommen. Dann hieß es Warten. Zugfahren. Aus dem Fenster blicken.

Nach und nach fielen den beide Dinge ein, die sie in der Tasche transportiert hatten. Das meiste zählten sie mit viel Gelächter auf. Es fehlte ihnen ein Mantel. Ein Schal. Bananen. Eine Flasche mit Saftschorle. Oh, und sogar Unterlagen von der Versicherung. Ein paar Dinge von der Bank. Überall persönliche Daten darauf. Ja, und dann noch das neue Sonnenhütchen des Herrn. Und – oh Gott – alle Kekse für die Fahrt!

Über die möglichen Folgen, wenn ein Fremder die privaten Daten in die Hände bekäme, machten sie sich kurz Gedanken, aber wirklich nur ganz kurz, und sehr optimistisch. Dann lachten sie wieder, weil sie nun gemeinsam mit einer kleinen Wasserflasche zurechtkommen mussten.

Wer braucht denn das Schuldkonzept?

Das andere Ehepaar mir direkt gegenüber unterhielt sich angeregt mit den Taschenverlierern. Der Ehemann aß dazu ein Käsebrötchen und gönnte sich eine kleine Flasche Weißwein, während seine Frau recht aufgeregt war und immer wieder festhielt, wie toll es war, dass sich in dem Taschenfall keiner beklagte, keiner losschimpfte, niemand Vorhaltungen machte und Vorwürfe kundtat.

 

Ja, genau das dachte ich auch. In wie vielen Beziehungen wäre dies anders gewesen? Da hätten Mann und Frau sich beschimpft. Oder zwei Freunde geschmollt. Oder ein Elternteil seinem Kind von oben herab gesagt, wie das denn bitteschön schon wieder hatte passieren können.

Und all diese Abläufe hätten uns kaum verwundert; sie wären uns eher „normal“ vorgekommen.

Stattdessen waren wir anderen alle irritiert von der Gelassenheit, der Ruhe, der Besonnenheit. Wie schade eigentlich! Denn dies war doch das beste Vorgehen überhaupt. Kein Wutanfall, keine Schuldzuweisung hätte irgendetwas an dem Geschehenen geändert. Wichtig war der Blick auf die beste Lösung der Situation: Anruf am Bahnhof, hinzugerufene Tochter, geschenkte Schokolade von den Sitznachbarn gegen den Hunger, Überlegungen, welche Stellen montags zu kontaktieren sein würden wegen der Papiere. Und sicher würden die beiden bei der nächsten Reise besser organisiert in einen Zug einsteigen.

Das Wichtigste ist, den Blick nach vorne zu richten! Konfliktbewältigung sollte lösungsorientiert geschehen – nicht schuldorientiert! Was ist das Problem, wo wollen wir hin? Nicht: Wer hat das alles losgetreten? Oder gar: Wen muss ich hier mal beschimpfen und bestrafen??

(Inke Hummel in „Blick nach vorn!“ über Emotionale Entwicklung und Geschwister-/Kinderstreitigkeiten)

Die Zugbegleiterin gab Bescheid, dass am Bahnsteig nichts aufgefunden worden war. Die (ehemalige) Taschenbesitzerin zuckte mit den Schultern, bat ihren Mann um die Wasserflasche und sagte – halb zu sich und halb zu uns anderen – : „Echter Liebe kann sowas nix!“

Wow.