14 Okt

„Ich will nicht mal aufs Klo gehen!“ – Buchpremiere „Babybauchzeit“

Es ist schummrig-gemütlich dunkelrot, die aufsteigenden Sitzreihen des kleinen Kinosaals sind gut gefüllt, Spannung liegt in der Luft. Man hört Popcorngeknabber und leise auch einige Actionfilmbässe aus dem Nebenraum. Auf der großen Leinwand lief soeben der wunderschöne Trailer zum Buch „Babybauchzeit“. Die Autorin und Hebamme Sabine Pfützner sitzt an einem kleinen Tisch unten vor der ersten plüschigen Stuhlreihe, der andere Part des Autorinnenduos, Fachjournalistin für Familienthemen Nora Imlau, ist nicht zu sehen. Plötzlich hört man ein imitiertes Telefonklingeln, Sabine nimmt den Hörer ab und meldet sich. Irgendwo aus dem Raum hört man ein zögerliches „Hallo…ich…hier ist Nora Imlau…und ich glaube…ich bin schwanger.“

Eine der ersten Schauspieleinlagen des heutigen Abends entführt uns in die Welt aus absolut umfangreichen Informationen rund um Schwangerschaft, aus privaten Szenen aus Noras Babybauchzeiten und Sabines Berufsalltag, aus unschätzbarem Hebammenfachwissen und kämpferischen Gedanken zu einer selbstbewussten und -bestimmten Schwangerschaft.

 

Das dynamische Duo

Das Szenische als Duo wechselt sich ab mit Einzelberichten und Statements, Leseanteilen aus dem neuen Buch und Dialogen der Autorinnen. Das Publikum geht begeistert mit, kann sich in das Berichtete einfühlen, lacht oft, manchmal bis die Tränen kommen, spendiert vielfach Zwischenapplaus.

Thematisch orientieren sich die Autorinnen an 10 Bereichen aus ihrem Werk und geben den Zuhörern einen guten Eindruck über die Vielfalt der Inhalte. Sie setzen sich beispielsweise mit Mythen rund um die Schwangerschaft auseinander, lassen auch (gesellschaftliche) Vorwürfe nicht aus, mit denen sich viele Frauen nach Bekanntgabe des wachsenden Babys im Bauch konfrontiert sehen, und stellen dar, welche Bevormundungen es geben kann, welche Ängste geschürt werden – was die Autorinnen kontern: sie möchten nahezu wertfrei Informationen an die Hand geben für verschiedenste Möglichkeiten, so dass Schwangere und ihre Partner mit Bauchgefühl und Wissen ihren eigenen Weg finden können. Wie auch in Nora Imlaus anderen Werken wird hier Wert darauf gelegt, dass die Eltern die Experten für die Babybauchzeit und später für das Wochenbett, ihren Familienweg, ihre Kinder sind und sein sollten – niemals andere, und auch nicht ein Buch diese Rolle übernehmen kann. Es kann nur helfen, Entscheidungen zu treffen und zu gehende Schritte auszuwählen. Es kann manche Fragen beantworten, die man dem Arzt vielleicht nicht stellen mag, aber ersetzt nie eine persönliche Betreuung durch Gynäkologen oder Hebamme.

„Vertrau Dir!“ gibt Sabine den werdenden Müttern mit.

 

Alles drin von A bis Z

Auch Großeltern werden nicht ausgelassen, und die Thematik erntete einiges an verständigem Nicken. Schon die dazugehörige Folie erzeugt bei fast allem im Saal Bilder im Kopf, lässt Erinnerungen hochkommen. Dabei werden Omas und Opas nicht als nervige Familie abgestempelt, sondern es wird dafür geworben, sie als Teil des Netzwerkes zu sehen, ihre guten Absichten zu erkennen und mit ihnen schon vor der Geburt des Enkelkindes offen über Wünsche und Sorgen zu sprechen, um später möglichst gut miteinander auszukommen. So zeigen Nora und Sabine ebenfalls hier ihr Bemühen um Miteinander, Kommunikation, aber auch Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit – wie es  sich Bindungsträumer und Attachment Parentler für die Eltern-Kind-Beziehungen wünschen, aber dies sollte eben schon vor der Geburt des ersten Kindes und über die Kernfamilie hinaus versucht werden.

Ein anderes Thema ist ein möglicher Wettbewerb unter Eltern, der oft späteren Kursen als möglicher Makel anhaftet, aber oft eben schon in der Schwangerschaft anzutreffen ist. Hier machen die Autorinnen Mut, sich wiederum dank guter Informationen nicht verunsichern zu lassen und davon fernzuhalten, um die Bindung zum Kind im Bauch nicht zu gefährden: außer dem auf neuem Wissen basierenden Bauchgefühl ist nichts wichtig, sollte man sich keinen Stress machen – ob man Schwangerschaftsyoga macht oder nicht, ist so wenig relevant wie das Einführen von Kinderzahncreme ab dem ersten Zahn oder erst ab dem Zeitpunkt, zu dem ein Kind gut ausspucken kann.

Schließlich schauspielert Nora sogar ihren Anruf bei Sabine kurz vor ihrer ersten Geburt inklusive Wehenveratmung sowie späterer möglicher, aber wohl fiktionaler Wochenbettdialoge zwischen den Eltern: da werden sämtliche Emotionen erwähnt von unglaublicher, so nicht erwarteter Liebe fürs Baby über gruselige Müdigkeit bis hin zu körperlichen Problemen. Für den größten Lacher sorgen die Aussagen:

„Glaubst Du, wir werden jemals wieder Sex haben?“

„Ich will nicht mal aufs Klo gehen!“

Ja, die beiden sind ehrlich, sparen nichts aus, bereiten umfassend vor – auch Wochenbettdepression und alle Unterarten trauriger Empfindungen und verzweifelter Gefühle sind enthalten. So oft hört man von frisch gebackenen Eltern, was ihnen im Vorfeld alles nicht gesagt wurde – das kann man bei diesem Buch wirklich nicht kritisieren! Auch dunkle Gefühle sind okay, auch Hilfe zu benötigen ist okay. Nora und Sabine klammern nichts davon aus – sie sagen sogar noch, wie man sich Hilfe holen kann.

Mit Sabine als möglicher Begleiterin möchte man eigentlich sofort nochmal schwanger werden, so angenehm tritt sie auf (wenn da nicht im Hinterkopf die Gedanken an nochmal nichtschlafende Säuglinge, jahrelanges Laternelaufen und Vokabelnanbfragen wären…).

 

Immer wieder anders, immer wieder neu

Ein wichtiger Punkt ist den Autorinnen noch die Varianz: „Es ist normal, verschieden zu sein!“ Dies gilt für Eltern wie Babys, und gerade deshalb ist kein Ratschlag allgemeingültig, kein einmal funktionierender Ablauf fürs nächste Kind wieder unbedingt passend. Das stärkt den Lesern den Rücken, denn sie müssen sich nicht schlecht fühlen, wenn die Tipps von Schwester, Freundin, Onkel, Opa nicht funktionieren, es bei ihnen nicht wie im Film oder in der Werbung läuft. Sabine und Nora machen Mut, das Baby nach der Geburt in Ruhe kennenzulernen, es anzunehmen wie es ist und sich auf seine Bedürfnisse individuell einzustellen.

Mit diesen und weiteren hier vorgestellten Kernbotschaften des Buches, die nie bewerten, sondern nur informieren und begleiten, haben die Frauen dem Publikum Lust gemacht auf ihr Buch, das in seinem Layout und seiner Bildersprache genauso ansprechend ist wie inhaltlich. Werdende Eltern finden mit diesem Werk Input zu allen relevanten Bereichen und Momenten, nicht nur rund ums Baby und nicht nur rund um die Eltern, sondern umfassend.

Ein wenig stört an diesem Abend das kinotypische Popcornknabbern im Publikum, aber insgesamt ist die Location einfach perfekt: es ist genau richtig abgedunkelt, Film und Folien kommen auf der großen Leinwand perfekt zur Geltung, die Atmosphäre bringt alle gut zusammen. Schon der Sektempfang vor Beginn der Lesung war so persönlich wie die Vorstellung und in vielen Abschnitten ja auch das Buch. Und die Chemie zwischen Nora und Sabine ist derartig gut, dass sie alle bezaubert. Ich habe den Eindruck, die beiden könnten gemeinsam auch eine Bühnenshow  zu einem staubtrockenen Thema aus der Statistik rocken!

Das Büchersignieren und die Gespräche nach der Lesung waren weiter voll von dieser Herzlichkeit und guten Atmosphäre. Die anschließende Premierenfeier im kleinen Kreis war ein echter Bindungsträumereisen-Event mit wunderbaren Gesprächen.

Marburg war sicher ein Heimspiel für beide vor vielen für sie vertrauten Gesichtern, aber auch die zweite von Bindungsträume besuchte Lesung in Bonn war charmant und fand guten Anklang. Die Räumlichkeiten in einem Pfarrheim waren ganz andere: größer, heller, akustisch etwas schwierig, aber auch dies wurde von dem Duo gemeistert.

Ein kleines Frühstücksbuffet stand parat, ein Bücherpotpourri und Waren eines Kinderbekleidungsgeschäftes waren ausgestellt, Vertreterinnen von Motherhood e.V. waren anwesend. Das Publikum am Morgen bestand nur aus Frauen, mehr Schwangere als im Kinosaal, vor allem aber viel mehr Babys und Kleinkinder, die eine andere Atmosphäre mit kreierten. Sabine Pfützner sprach das gleich zu Beginn sehr sympathisch an und ermunterte die Kinder, Kinder zu sein, und die Mütter, den Kleinen zu erlauben, sich zu bewegen und zu brabbeln oder singen – was ihr sofort die Herzen zufliegen ließ, da man merkte, wie nah dran sie an den Familien ist (Mich erinnerte dies sofort an die FEBuB 2017, wo diese Herzlichkeit den Kindern gegenüber und die Durchmischung des Publikums so sehr willkommen war – was echte bindungsträumerische Realität ausmacht).

Die Rednerinnen waren in Bonn – nach einem Zwischenstopp auf der Frankfurter Buchmesse sowie noch einer Lesung in Ingelheim – schon geübter, etwas routinierter als bei der Premierenlesung, aber genauso engagiert und inspirierend. Wir wünschen ihrem Buch eine gute Reise und viele zufriedene Leser!

„Babybauchzeit – Geborgen durch die Schwangerschaft und die Zeit danach. Hebammenwissen für Mutter und Kind“ von Nora Imlau und Sabine Pfützner ist im Beltz-Verlag erschienen.

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