14 Nov

Der hat dolle Liebeskummer, oder?

Ich saß mit einem unserer Kinder im Auto, und es lief eine Phil Collins CD. Auf einmal wurde ich gefragt, was die Displayanzeige „I wish it wo“ denn bedeuten solle. Ich erklärte, dass der eigentliche Titel länger sei, „I wish it would rain down“ lautete und übersetzte dies mit meinem Sohn gemeinsam. Er reagierte mit Unverständnis; wer bitte wünscht sich denn Regenwetter? Und überhaupt: so ein doofes, lahmes, gejammertes Lied! Wenn man gerade in der Hardrockphase ist, ist ein Phil Collins natürlich eher schrecklich.

Trotzdem schaltete er nicht weg, sondern saß während der Fahrt über die Landstraße still da und lauschte. Viel von dem englischen Text verstand er noch nicht, aber er hörte die Musik, die Intonation des Gesungenen, fühlte die transportierten Emotionen, ließ sich auf das Stück ein, weil ich es mochte. „Der hat Liebeskummer, oder?“ fragte er plötzlich. Ich musste lächeln und bejahte.

Wir haben öfter solche Momente, und ich finde sie toll: zu merken, dass die Kinder ein Gespür und auch Worte für Gefühle haben, egal aus welchem Bereich; zu merken, dass sie empathiefähig sind. Ich übe das mit ihnen, seit ich denken kann. Manches Mal kam man sich seltsam dabei vor – mit kleinen Kindern schon so viel zu reden, zu erzählen, auch sich selbst zu erklären. Manches Mal wurde ich schief angeschaut für die Lieder, die ich mit den Kindern gehört habe, die Bücher, die ich mit ihnen gelesen und ihnen erklärt habe, die Nachrichten, die wir besprochen haben.

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Foto: Hummel privat

Aber es hat sich gelohnt. Unsere Kinder haben Antennen und auch passende Worte für eigene und fremde Gefühle. Sie stehen nur selten hilflos da, wenn eine Emotion sich über sie stülpt, und sie können häufig recht gut sagen, was sie brauchen oder was sie bei einem Freund als Sorge wahrnehmen. Wenn sie hineinrutschen in eine dieser typischen Schulsituationen, in denen ein Mitschüler wegen irgendetwas ausgelacht wird, und mir davon erzählen, brauche ich eigentlich nur ein paar Worte und schon sehen sie meist, wie er sich fühlt und wie fies das war.

„Das Kind lernt seine Gefühlswelt kennen. (…) Es erfährt im Kontakt zu Vater und Mutter, wie wir das Gefühl nennen und wie wir das Gefühl sprachlich ausdrücken können. Dadurch lernt das Kind auch, sich in seiner Gefühlswelt zurecht zufinden und Emotionen selbst zu benennen.“

(aus: Katharina Saalfrank: „Was unsere Kinder brauchen“, erschienen im GU-Verlag)

Es gibt so viele Situationen, in denen man den Kindern Worte für eigene und fremde Gefühle geben kann, und seien die Kinder noch so klein, die Gefühle „gut oder schlecht“ konnotiert. Sich mit diesem Themenfeld zu beschäftigen, schafft tolle Verbindungen – und einfühlsame Menschen.

IH