31 Mrz

Alles selbstbestimmte Tyrannen!

Während ich in eine dicke Wolldecke gewickelt an einem sonnigen, aber echt kalten Tag im Park neben unserem Picknickkorb sitze und die Blicke der anderen Erwachsenen zwischen Entrüstung, Belustigung und Neid schwanken, hat unser jüngstes Kind eben für eine Viertelstunde keine Schuhe getragen. Bei weniger als 10° und noch kühem Boden. Er wollte es ausprobieren: barfuß den Sand fühlen, klettern, die Rutsche hochlaufen, die Sonne austesten. Dann war es ihm doch zu kalt, er zog Socken und Schuhe wieder an und sauste erneut zum Spielen los.

Macht ihn sowas wohl mal zu einem Tyrannen? Weil ich nicht sage, wie der Hase läuft – wie „man“ es macht? Weil ich ihm nicht meinen Weg aus Decke, Stiefeln und Daunenjacke aufdrücke?

Manchmal hört man genau diese Warnungen. Ich glaube jedoch, diese Selbstbestimmung tut ihm gut. Gäbe es eine von mir empfundene Sorge dabei, die sicher je nach Gegebenheiten oder Kind ihre Berechtigung hätte, würde ich sie ihm nennen. Gäbe es gar eine Gefahr, würde ich als sein Helfer und „Leitwolf“ intervenieren – erklärend, zugewandt, aber bestimmt.

Aber so ist es einfach ein echtes Probieren und Erleben, Feststellen und Reagieren, ganz frei, alleine, selbstbestimmt.

Freiraum als Gefahr?

Das – dieser Freiraum – macht überhaupt nicht, dass er dreist zu mir oder anderen wird. Es macht auch nicht, dass er wild und regellos über Tische und Bänke geht. Es macht ihn nicht zum Tyrannen.

Stattdessen erfährt er seinen Körper, seine ganz persönlichen Grenzen, seine Möglichkeiten. Er erlebt ein Zutrauen durch mich, eine Ich-Stärkung, eine Ja-Umgebung. Und: seine Kooperationsbereitschaft für andere, wichtige Situationen bleibt hoch.  – Als er später bei einem Spiel am Brunnen nass bis zum Po wurde und die Sonne weiterhin kaum Kraft erlangt hatte, so dass ich mich dann doch ein wenig wegen Auskühlung sorgte, war er nach kurzem Gespräch rasch bereit, heimzufahren, im Auto schon mal die Kleidung ausuziehen und sich in meine Wolldecke zu kuscheln. Denn ihm war wirklich kalt.

Wie wir „unden“ – Lösungen finden ohne jemanden zu übergehen

Außerdem passierte an diesem Tag noch etwas anderes, weit weg vom Tyrannensein auf Kinder- oder auch Elternseite: wir blieben beide gelassen und hatten eine herrliche Zeit, obwohl es erst nicht danach aussah, da wir am Morgen noch unterschiedliche Bedürfnisse in den Ring geworfen hatten. Wir machten nicht einfach A (raus in den Park an die eine Lieblingsstelle, „Mir ist ja warm, Mama.“, egal ob Du frierst) und auch nicht einfach B („Wir bleiben drinnen oder gehen maximal spazieren, denn nur an einer Stelle – da kühle ich aus!“) – wir machten AB (an den Lieblingsort im Park gehen und 3 Stunden dort bleiben mit isolierender Decke als Sitzfläche und dicksten Wolldecken zum Einmuckeln für Mama, egal ob andere blöd gucken).

Wir fanden eine Lösung für einen Konflikt, einen Unterschied in den Wünschen. Wir wurden ein prima Team an diesem Tag, weil wir Plan A und Plan B zusamengepackt haben, geundet haben. Jeder konnte ein bisschen über sich selbst bestimmen, jeder ist ein bisschen auf den anderen zugegangen.

Keiner ist hier ein Tyrann!

IH

 

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