04 Apr

Streiten braucht Zutrauen

Oh ja, Geschwisterstreit ist und bleibt ein Dauerbrenner. Dabei ist das gar nicht so ein isoliertes, katastrophales Thema, wie es vielen oft erscheint, weil es eine Zeit lang den Alltag so zu bestimmen scheint. Es gehört ganz allgemein zum Gebiet des Konfliktlösens und betrifft außer Geschwistern untereinander auch (Einzel-)Kinder mit Freunden, Kinder in Spielgruppen oder Betreuungseinrichtungen, Kinder in Auseinandersetzungen mit ihren Eltern oder anderen Erwachsenen – und auch uns Erwachsene, ganz ohne Kinder.

Streiten will gelernt sein! Streiten ist wichtig und sinnvoll. Wer nie streitet, lebt hoffentlich als Einsiedler irgendwo auf einer verwunschenen Insel, denn sonst ist es recht sicher, dass er in Beziehungen steckt, die unausgeglichen sind. Dauerhafte Harmonie und immer gleiche Wünsche und Bedürfnisse sind sehr unwahrscheinlich.

Streiten kann eine große Chance sein, für jede Beziehung – wenn man es richtig macht.

„Ich will zuerst!“ – „Nein, ich! Du warst das letzte Mal schon zuerst!“ – „Du warst ja wohl beim letzten mal die Erste!“

„Das gehört aber mir.“ – „Gib mir doch nur eins ab, es liegt bei Dir eh nur rum.“ – „Ich hab’s aber bezahlt!“

„Schalte das Lied wieder ein!“ – „Nein, das ist schrecklich! Und Dein Gesinge nervt!“ – „Ich singe nur ganz leise mit, versprochen!“ – „Neiheiiiiinnn!!“

Hört Ihr die Dialoge mit Kinderstimmen gesprochen? Kennt Ihr ähnliches aus dem Kinderzimmer, dem Auto, vom Spielplatz oder vom Esstisch? Aber es könnten auch Erwachsenenstimmen sein, oder?

Streiten nervt!

Streit unter Kindern, gerade unter Geschwistern gehört dazu, ist kein Zeichen für „schlechte Erziehung“ oder „tyrannische Kinder“, wie manchmal vermutet oder besorgt gedacht wird. Er ist dort genauso präsent wie bei den Großen, nur läuft er noch ganz anders ab, weil die Kinder ihre Emotionen oft nicht so im Griff haben (können) wie wir (aber manchmal können wir Großen das auch nicht!), weil sie vieles noch nicht genug trainiert und verstanden haben.

Die Kinder müssen streiten. Sie müssen üben, miteinander auszukommen. Jeder soll ja seine Meinung sagen dürfen. Aber wie oft frisst uns das auf, weil es handgreiflich wird, weil keiner dem anderen zuhört, weil keiner einen Schritt zurück macht, weil eine Lösung gar nicht erst gesucht wird. Die ganze Atmosphäre ist vergiftet. – Und nicht nur die Kinder untereinander: mit steigendem Alter mehren sich die Dispute natürlich auch mit Freunden, Großeltern oder uns Eltern. Und sie verderben uns manchmal jegliche Lust, den ganzen Tag, hinterlassen Verzweiflung pur! Wann hört das endlich auf?

Ist Flucht legitim?

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft es bei uns so dermaßen geknallt hat, dass ich mich gefühlt mitten im Nah-Ost-Konflikt wähnte, eine Kompromisslösung unmöglich erschien, mein Mund ganz trocken war vom vielen Reden und Vermitteln und die Fronten unmissverständlich verhärtet schienen.

Mehrfach habe ich mir im Kopf dann ausgemalt, die Tür zuzuknallen – und zwar die Haustür! – und zu gehen. Weg. Flucht! Gerade bei Streitigkeiten auf der kleinen Fläche im Auto war ich häufig fast soweit, hinter der nächsten Kurve, auf dem folgenden Rastplatz, dem erstbesten Acker anzuhalten, auszusteigen und wegzulaufen. Türen zu, fort. Aus den Ohren, aus dem Sinn. Regelt Euren Mist alleine. Ich will es nicht mehr hören! Ich kann das keine Sekunde länger ertragen.

Lösungsorientiertes Streiten

Aber mehr als den Raum zu verlassen, habe ich nie gemacht. Dann habe ich geatmet, meine Gedanken sortiert, Kraft gesammelt und den Kindern über die Jahre hinweg immer wieder vorzuleben und zu erklären versucht, wie sie einen Konflikt gut lösen können:

  • sucht keine Schuld
  • macht keine Annahmen, Mutmaßungen
  • sondern schaut genau hin, fühlt Euch ein und fragt, was der andere braucht
  • sagt, was ihr selbst möchtet
  • geht aufeinander zu – und vor allem geht auch mal einen Schritt zurück von Eurer Position – der Einigung wegen; beim nächsten Mal seid Ihr wieder dran!

Irgendwann waren wir sogar mal soweit, dass wir darüber sprachen, dass Kriege so entstehen können, wenn keiner mal ein bisschen aufgibt von seinem Ziel und eine Lösung sucht. Das hat die Kinder schon zum Denken gebracht.

Ja, das braucht Zeit und kognitive Reifung. Aber es kommt an, Schrittchen für Schrittchen. (Kurz habe ich schon einmal darüber berichtet.) Es lohnt sich, nicht immer wie ein Richter einzugreifen. Ich möchte Konflikte nicht beständig mit dem Holzhammer, mit Strafen oder „Ich bin hier der Chef!“ lösen. Schon gar nicht, wenn es um Belange geht, die nicht lebenswichtig sind, bei denen nicht etwas kaputt gemacht oder jemand verletzt wird. Und nicht wenn es um Belange geht, die eigentlich nur die der Kinder sind.

Der bindungsorientierte Weg

Für mich heißt der bindungsorientierte Weg hier (wie so oft): „Vorleben – Erklären – Anleiten – und Zutrauen“! Dies ist ein Ideal, das nicht immer im Alltag durchgängig machbar ist! Schon gar nicht nach harten Nächten, verregneten Urlaubstagen oder ähnlichem. Aber wenn wir uns diese Vorstellung immer mal wieder bewusst machen, ist es ein gangbarer Weg.

Vorleben können wir dieses lösungsorientierte Streiten, wenn wir selbst streiten. Mit unserem Partner, unseren Mitmenschen, unseren Kindern. Wenn wir erkennen, wie positiv Konflikte sein können, wenn sie richtig geführt werden.

Erklären und Anleiten ist eine jahrelange Aufgabe, eine kräftezehrende und nervenstrapazierende. Dies ist vermutlich ziemlich lange nie ganz vorbei. Man redet, redet, redet… Es ist ein harter Job! Aber er lohnt sich.

Zutrauen, der letzte Punkt, ist in meinen Augen noch besonders wichtig. Denn ich glaube, oft fällt uns dies richtig schwer. Zutrauen bedeutet, dass wir zum einen an unsere Kinder glauben müssen. Dass wir darauf vertrauen, dass sie einen Konflikt lösen können und wollen und von uns irgendwann auch genug mitbekommen haben, um das zu schaffen. (Dieses Zutrauen in die Kinder zeigt die Gesellschaft oft nicht; immer wieder werden wir Situationen erleben, in denen unser Eingreifen von anderen gefordert wird, aber wir es [noch] nicht für notwendig erachten. Dann versucht, Euren Weg zu gehen. Wie sollen die Kinder Konliktlösen lernen, wenn sie es nicht dürfen?)

Zum anderen heißt Zutrauen, dass wir den Streit und den Stress oftmals auch über den Punkt hinaus aushalten müssen, den wir eigentlich noch erträglich finden. Inzwischen kann ich das (wenn ich nicht beteiligt bin) ziemlich gut. Und jedes, jedes, jedes Mal macht plötzlich eines der Kinder im Geschwisterstreit einen Schritt weg von seiner Vorstellung oder der sofortigen Wunsch- oder Bedürfniserfüllung. Dann geht es auf sein Gegenüber zu und sagt „Okay, Du darfst,“ oder ähnliches. So wie wir Großen es auch versuchen. Manchmal dauert das sehr sehr lange, inklusive Pausen, Auseinandergehen, Brüllen, Wutrauslassen. Auch wie bei uns Großen.

Aber das Zutrauen lohnt sich.

IH

2 Gedanken zu „Streiten braucht Zutrauen

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