02 Mai

Mach es wie ich! – Von wegen!

In vielen Gesprächen und Beratungen berichtet mir ein Elternteil davon, dass der Partner nicht genauso dem Kind begegnet, wie er selbst es tun würde. Meist ist der Berichtende derjenige, der mehr Zeit mit dem Kind verbringt, es tatsächlich oft besser kennt, besser versteht, sein Tun besser zu deuten weiß. Es wird dann mit dem unverstandenen Kind gelitten, gewünscht, es möge „einfach“ so agiert werden, wie man selbst es täte – gewünscht im Stillen oder auch laut ausgesprochen in der Situation, was (natürlich) häufig zum Streit führt.

Der andere ist gegenüber dem Kind und seinem Tun in diesen besagten Momenten manchmal einfach hilflos, versteht es nicht, hat regelrechte Fragezeichen in den Augen, einfach weil er weniger Zeit mit ihm verbringt und / oder weil er in der Bindungshierarchie auf dem zweiten Platz steht. Er probiert dann aus, begreift nicht, scheitert womöglich mit seinem Weg – wird manchmal vielleicht sogar sauer, laut, frustriert, unfair.

Wenn wir die Situation dann genauer besprechen, zeigt sich meist in etwa folgendes:

  • Der Berichtende versucht, dem Partner zu erklären, wie er das Kind sieht, und warum das Kind seiner Meinung nach diese oder jene Handlungsweise an den Tag legt. Er versteht nicht, wieso sein Partner daraufhin nicht sein Reaktionsschema kopiert, mit dem das Kind doch in der Regel gut klar kommt, da beide ein eingespieltes Team sind.
  • Der Partner fühlt sich angegriffen und kritisiert. Die Interaktion mit dem Kind funktioniert nicht wie gewünscht, der andere Elternteil macht Vorgaben – eigentlich scheint er nur die Wahl zu haben zwischen Scheitern und Schauspielern. Er möchte aber auch er selbst sein UND etwas schaffen im gemeinsamen Tun mit dem Kind, gute Momente erleben, dem Kind helfen.

 

Foto: Hummel privat.

 

Wie kann die Lösung aussehen?

Auf lange Sicht ist es hilfreich, dem anderen Elternteil mehr Möglichkeiten zu geben, das Kind besser zu verstehen. Vielleicht lässt sich doch mehr gemeinsame Zeit einrichten – eventuell wurden bislang die Prioritäten anders gesetzt und lassen sich verschieben? Wenn das Kind es nicht möchte, muss dies keine Zweierzeit sein, sondern kann ja auch in großer Runde stattfinden. Vielleicht lässt es sich außerdem auch einrichten, dass dem Partner noch mehr aus dem Alltag erzählt wird; nicht nur die besonderen Anekdoten, sondern die kleinen, wichtigen Dinge, die das Kind ausmachen, die kleinen tic-artigen Wiederholungen, die sein müssen, die Rituale, die es braucht, die ihm Sicherheit geben, die Denkmuster, die es an den Tag legt und die Außenstehende leicht übersehen. Vielleicht lässt sich auch mal einen Blogtext, ein Hörbuch oder ähnliches nett empfehlen – etwas, das Euch selbst geholfen hat, Euer Kind besser zu sehen.

 

Aber das Entscheidende ist, was auf kurze Sicht hilfreich ist:

Der andere Elternteil soll eben nicht scheitern und nicht schauspielern, sondern dem Kind helfen und er selbst sein. Und das ist gar nicht so schwer. Wenn das Kind eine für ihn unverständliche Reaktion zeigt, ein absolut unerwartetes Handeln, wenn ein Moment entsteht, den er nicht zu nehmen weiß, dann sollte er

a) trotzdem die Nähe zum Kind suchen, in Beziehung gehen, das Gespräch aufnehmen wenn möglich, es vielleicht berühren, in den Arm nehmen, je nach Alter auf den Schoß, da sein. Zeigen, dass er das Kind sieht, wahrnimmt, was passiert. Aber

b) auch formulieren, dass er gerade nicht versteht, was geschieht, dass er damit nicht gut umgehen kann. Ehrlich sein! Vielleicht gelingt das auch nicht sofort in dem Moment des Geschehens, sondern erst nach einer Phase des Sammelns und Durchatmens, aber dieses Echtsein, Manselbstsein ist wichtig, ist richtig.

Der Elternteil, der sich beschwert hat, darf nicht erwarten, dass sein Weg der einzig richtige ist. Er sollte auch erkennen, dass das Kind nicht fürchterlich leidet, wenn es nicht sofort verstanden wird. Es muss nur gesehen werden, man muss auf es eingehen, sich ehrlich und authentisch erklären. Dann können auch andere Personen in nicht so engen Bindungen Lösungen finden, Wege finden – ihre Wege. Und das Kind wird daran wachsen. Und wir Eltern auch!

IH