19 Sep

Dein Trennungskind – braucht Dich!

Ich bin’s: das Trennungskind.

Eine Tatsache in meinem Leben, die ich schon mehrfach als abgehakt betrachtet hatte. „Jetzt bin ich durch damit. Jetzt macht das nichts mehr mit mir.“ Und dann holt es mich doch wieder ein. – Dies wird sicher einer meiner persönlichsten Texte.

Ich werde jetzt 40. Die Trennung meiner Eltern liegt über 30 Jahre zurück. Viele Momente aus dieser ersten Zeit sind in mein Gedächtnis eingebrannt, während vieles andere verschwunden zu sein scheint, und haben mein schüchternes, stilles Kinderwesen mitbestimmt. Als ich in der Oberstufe in einer Klausur einen wissenschaftlichen Text zum Thema Scheidungskinder bearbeiten musste, konnte ich das kaum, weil ich mich immer gefragt habe: „Bin ich auch so?“

Dabei habe ich vom Kopf her, als ich volljährig war und meine Mutter mir endlich nach und nach erzählen mochte, was sie bewogen hatte, aus ihrer Ehe zu gehen, alles gut verstehen können und finde jeden Schritt richtig, mutig, wichtig. Das ist es nicht – die Trennung an sich arbeitet nicht in mir.

Aber der Bindungsträumer in mir schreit! Und der will Euch berichten, erinnern, um etwas bitten. Mein Wunsch lautet: Egal, was Euch zustößt, was zwischen Euch Partnern geschieht, wie hässlich und heftig die Liebe zu Ende gehen mag… versucht, nicht die Verbindung zu Euren Kindern zu verlieren!

Eure Geschichte, Euer Werdegang darf keine Ausrede dafür sein, dass das nicht gelingt. Holt Euch Hilfe, wenn Ihr das nicht könnt. Lasst die Kinder nicht die Leidtragenden sein.

 

Was ist mir geschehen?

Ich fand es entsetzlich, als ich nach der von den Eltern beschlossenen Trennung von meinem Vater gefragt wurde, ob ich ihn noch liebe. Als 10-jähriges Kind.

Es schmerzte mich fürchterlich, dass jahrelang kein einziger Brief, den ich mit viel Liebe geschrieben, mit Stickern und Stiften verziert hatte, jemals beantwortet wurde und auf Nachfrage die Erklärung kam: „Ich schreibe eben nicht gerne.“ Es wäre so wichtig gewesen für mich als Kind, für mich als Teenie, der sich Zeit genommen und versucht hatte, sich zu öffnen, in Kontakt zu bleiben. Über viele, viele Kilometer hinweg.

Es war so traurig, dass der Papa nie eine Frage stellte zu meinem Leben, meinen Freunden, meinen Hobbys, weil ich beim Antworten irgendwo die Mama hätte erwähnen können. Stattdessen herrschte Stille, fast immer. Ich wurde älter, aber blieb immer das Kind für ihn. Er kannte mich nicht, wusste nichts mehr von mir; und ich schwieg.

Diese ewige Stille in dem kahlen „Kinderzimmer“, wenn ich dort war. In dem Wohnzimmer – ich im Sessel, er auf dem Sofa. In seinem Auto, wir nebeneinander. Aber immer Stille. Obwohl ich über 600 km gefahren war, fast in allen Ferien. Qualvolles Fremdsein und immer Fremderwerden. Erst auf der Rückreise allein im Zug platzte alles aus mir heraus; Tränen, Schluchzen, Hilflosigkeit. Aufatmen erst südlich der Elbe, fast zwei Stunden nach der Abfahrt. Immer das selbe Elend.

Es war frustrierend, dass all die Jahre Geburtstage immer mal wieder pünktlich, mal verspätet bedacht wurden, dass er nicht zu meiner Abiturfeier kam, nicht zum Abiball, dass er mich erst nach sechs Semestern fragte, was ich eigentlich studierte.

Ja, es gab Erklärungen von anderen – und in meinem Kopf zurechtgelegte; und doch war er der Erwachsene, der sich um sich und mich hätte kümmern sollen, sich Hilfe hätte suchen sollen, damit es hätte gelingen können mit der Elten-Kind-Bindung! Es liegt in der Hand und der Verantwortung der Eltern, dass die Beziehung Boden hat.

 

Jetzt bin ich damit durch!??

Als er schließlich nicht zu meiner Hochzeit kommen mochte, weil meine Mutter auch da war – fast 20 Jahre nach der Trennung – war ein Punkt erreicht, als ein Schalter in mir umspringen konnte. Zum ersten Mal gab es den Gedanken „Jetzt macht das nichts mehr mit  mir!“ Aber ganz richtig war es natürlich nicht.

Doch ich hatte den Eindruck, ich hatte endlich die Oberhand. Kognition über Emotion. Gefühle aus, Kopf an! Dann eben nicht. Nur noch das Nötigste! Ich bleibe nett, aber ich mache mich nicht mehr krumm, investiere kein Gefühl mehr – sonst gehe ich kaputt!

Geburten meiner Kinder, Taufen, Geburtstage, Einschulungen, Fotos – kein Aufwand mehr meinerseits. Mal, wenn es mir passte, ein Briefchen, aber keine Einladungen mehr. Manchmal kam etwas von ihm: eine Karte, ein Salz- und Pfefferstreuer-Set (!) zur Geburt eines der Kinder, oder ein plötzliches Auftauchen am Fußballplatz und in der Folge verwunderte Kinder: „Wer ist der Mann mit dem Haribo?“

Autsch!

Ja, da hat’s dann doch wieder wehgetan. Immer wieder.

Krank und hilflos in der Klinik hier vor Ort habe ich ein wenig getan, was ein Kind tun kann, aber viel war mir nicht möglich.

Über die Jahre und die wenigen 2-Minuten-Telefonate, in denen ihm die Fragen an mich und mein Leben fehlten, vernarbte alles. Die Verbindung verschwand. Alles, was ich immer versucht hatte, war niemals auf fruchtbaren Boden gefallen vor lauter Wut bei ihm auf seine Ex-Partnerin.

Vergeben habe ich – das fragen viele. Ich bin nicht sauer. Vergebung ist so wichtig. Sie macht gelassen und gesund und frei. Aber traurig bin ich. Und wünsche es anderen Kindern anders.

 

Keine Verbindung mehr – das Schlimmste, was passieren kann

Denn jetzt sitze ich hier, den Anruf im Ohr, vor dem man sich immer fürchtet, und weine. Nicht vor Trauer über einen wahrscheinlich sehr bald bevorstehenden Abschied.

Sondern vor Verzweiflung, weil es nicht in meiner Hand lag, dass ich hier und heute keine Verbindung mehr spüre.

Bitte: sollte kein Weg an einer Trennung vorbeigehen, versucht die Verbindung zu Euren Kindern nicht zu verlieren.

Die Trennung mag oft das Richtige sein für die Großen; ein anderer Weg ist häufig nicht mehr gangbar. Aber mit den Kindern hat das nichts zu tun! Selbst wenn sie aus Trotz, aus Unsicherheit, aus irgendwelcher Not heraus von sich aus – anders als ich – eine Zeit lang den Kontakt abbrechen sollten, ihn vermeiden oder auch nur erschweren, bleibt Ihr doch die Erwachsenen und diejenigen, die helfen können, die Beziehung wieder zu kitten, Zeit und Liebe zu investieren, Bedürfnisse zu erkennen – und alles andere, was gebraucht wird. Vergesst Stolz, Verletzheit, alles was nur mit dem Ex-Partner zu tun hat.

Die Kinder können nichts für Eure Schmerzen! Sie brauchen Euch.

IH

Aufgrund diesen Blogartikels wurde unsere Blogautorin und Mitglied des Vereinsvorstands Inke vom Fernsehsender SWR in die Talkshow Nachtcafé eingeladen, um über ihre Erfahrungen als Trennungskind zu berichten! Die Sendung ist noch bis 02.02.2019 in der Mediathek verfügbar oder kann bei Youtube geschaut werden.

16 Gedanken zu „Dein Trennungskind – braucht Dich!

  1. Hallo, ich bin auch Trennungskind und in meiner Ehe leben auch zwei Trennungskinder mit uns. Was du als Bindungsverlust beschreibst, habe ich mit meiner Mutter erlebt, aber erst viele Jahre später. Dazu kann ich dir nur sagen, dass das kein normales Verhalten von Eltern ist, die sich trennen. Im Normalfall wollen beide Eltern den Kontakt aufrecht erhalten. Hast du schon mal bezüglich deines Vaters nach narzisstischer Persönlichkeitsstörung gesucht? Wünsche dir viel Kraft für die weitere Verarbeitung!

  2. Wie wahr. Wie schmerzhaft wahr!
    Meine Kinder werden auf mein Betreiben hin relativ regelmäßig vom Vater abgeholt. Aber der ist nur körperlich anwesend, um sich nichts vorwerfen lassen zu müssen. Emotional ist er derweil nur bei seiner neuen Partnerin.

    Er stellt Fragen. Aber immer wieder den selben belanglosen Kram. Und auf Dinge, die man ihm zum 2. oder sogar 3. Mal erzählt, reagiert er jedes Mal wieder mit Erstaunen.

    Die Kinder (knapp 9, 11 und 13) sind völlig durch den Wind, zeigen Verzweiflung, Trauer und ganz viel Wut. Der Jüngste wurde vom selbdtzufriedenen Buddha zum ständig an sich zweifelnden Wutbolzen und braucht nun therapeutische Hilfe. Wie auch schon seine große Schwester, die vom Vater nie vermittelt bekam, dass sie seine Prinzessin ist, dass sie wichtig ist, dass er sie beschützt und hinter ihr steht. Der Mittlere ist Autist und hat zum Glück fachkompetente Hilfe über das ATZ, um die verstörende Kälte in sein eh schon schwieriges Sozialleben zu integrieren. Dass der Vater die Diagnose verleugnet und nötige Strukturen verweigert bzw untergräbt und mit Training nach Beispiel von ABA torpediert, macht es nicht leichter.

    Ich habe eine Mordswut auf den Vater, weil ich verzweifelt mit ansehen muss, dass die Kinder wieder und wieder hoffen und jedes Mal wieder enttäuscht werden. Ich bete drum, dass die Ent-Täuschung bald geschafft ist und sie mit ihrer Trauer abschließen können.

  3. Leider bin ich auch so eine zurück gebliebene Tochter. Das was Du beschreibst ist auch meine Geschichte, ich war 11. Mein Vater ist dann, als ich erwachsen wurde, zudem dazu übergegangen, mich anzugreifen verbal.
    Ja Vergebung hilft und ganz viel Trauerarbeit.
    Und, meine Kinder sind leider auch Trennungskinder und beim 3. Kind wurde ich zur Wochenend-Mama. Und es geht, auch nach Rosenkrieg und mit sehr viel Schmerz gegenüber meinem Ex, die Verbindung zu meinem Sohn blieb bestehen und besteht heute. Die Antwort auf die Frage „wo ist jetzt mein Platz bei meinem Sohn, wo er beim Vater wohnt?“ nach der Trennung, wurde durch mein Inneres mit einer Gegenfrage beantwortet. „Wo ist sein Platz bei dir(also mir)“ Und genau das war die Antwort. Er hat und hatte immer seinen Platz bei mir.

  4. Es spielt keine Rolle, wie alt wir sind. Gehen die Eltern auseinander leiden wir. Auch als „Erwachsene“.
    Mich hat das Schicksal zweimal ereilt. Der leibliche Vater ging, als ich ein Baby war und so konnte diese Phase nicht bewusst erlebt werden. Aber der Wunsch ihn, den Vater, zu kennen, war immer da. Ich weiß nicht, wie groß die Sehnsucht gewesen wäre, wäre nicht der Herzensvater da gewesen. Dieser ging nach 30 Jahren und ließ auch mich zurück. Mein Herz blutete bei jeder belanglosen Phrase, jeder kurzfristigen Absage zum Treffen, verpassten Terminen etc.
    10 Jahre habe ich gerungen und erst kurz vor der Geburt meines eigenen Kindes die Entscheidung getroffen. Ich habe abgeschlossen. Ich warte nicht mehr…

  5. Ja, das kenne ich auch. Und das aus dieser Situation erlernte Muster ist kämpfen.
    Die dunklen Flecken, die zurück bleiben und dafür sorgen, dass wir diesen Film dann im eigenen Leben immer wieder selbst inszenieren, bis sie hoffentlich erkannt und beleuchtet sind, das ist total für mich das traurigste daran. So viel Lebenszeit…
    Meine Eltern haben sich getrennt, als ich sechs war. Eine der wenigen Erinnerungen aus dieser altersphase. Fand ich völlig in Ordnung – nur die selber scheinbar nicht. Mit der Folge, dass meine Mutter mich lange nicht zu ihm hat gehen lassen. Er durfte dafür jederzeit zu uns kommen, musste und dürfte also gar keine Verantwortung übernehmen und hat sich dann auch entsprechend wie ein Kleinkind und eine Wildsau bei uns aufgeführt. Einen Platz habe ich dann später nie bei ihm bekommen, dafür würde ich aber völlig demontiert, angeschrieen und beschimpft… unglaublich, was ich mir da Jahre – Jahrzehnte! Lang angehört habe. Statt zu gehen, habe ich gekämpft, vergeblich.
    Mein Mann und ich selber ne auch getrennt, unsere Tochter kämpft auch – aber auf e Ne ganz andere Art. Sie macht das richtig gut. Für uns sehr anstrengend und herausfordernd. Und ich bin stolz auf mich und auch ihren Papa, dass wir uns dem stellen und authentisch und in Beziehung bleiben mit ihr – und auf der elternebene auch miteinander.
    Mein Vater ist irgendwann ganz ausgewandert. Und meine Tochter fragt manchmal aus dem nichts (naja, an seinem Geburtstag, von dem sie eigentlich nichts weiß), wo der eigentlich ist, warum der nicht hier ist und was das eigentlich soll. Fein, sie spürt jeden unbewussten Gedanken 💭 n mir auf und knallt ihn mir hin. Daran merke ich, dass es nicht abgeschlossen ist.
    Mein Fazit sieht so aus, dass es nicht darum geht, das abzuschließen. Wir bleiben mit unseren Eltern verbunden und unsere Kinder über uns übrigens auch usw. Der Versuch, das abzuschließen kann eben nur ein Versuch bleiben. Es um das annehmen und akzeptieren dessen was war und ist – an Erlebnissen, Enttäuschungen und Verletzungen – vor allem aber der Gefühle, die auch heute noch damit verbunden sind. Die lassen sich nicht wegmachen oder verleugnen und je mehr man es versucht, desto heftiger dringen sie wieder hervor. Anders damit umgehen – zulassen, durchfühlen etc. – das hat mir geholfen.
    Im vergleich mit Milliarden von Menschen auf diesem Globus geht es mir eigentlich doch ziemlich gut (und uneigentlich eigentlich auch).
    In vielerlei Hinsicht vielleicht sogar fast zu gut. Es klingt grotesk, aber gerade der Versuch, mich vor leid zu schützen durch meine Mutter und später glaub ich auch durch das weggehen meines Vaters hat verhindert, dass ich einen gesunden Umgang mit Wut und Trauer erlernen konnte. Das musste ich (und muss ich immer noch) mir in den letzten Jahren hart erarbeiten.
    Der Dalai Lama hat darüber sehr klar und treffend geschrieben.

    Daher kommt auch meine feste Überzeugung, dass der Versuch, die Konflikte und Probleme von uns und unseren Kindern fern zu halten letztlich nichts anderes als harmoniesucht und Angst ist…
    Puh, da kommt echt einiges zusammen. Ich wünsche mir und allen auch (weiterhin) viel Kraft!

  6. Hallo.
    Ich danke dir für deinen Einblick als Erwachsener Mensch. Ich bin kein Trennungskind. Mein Sohn ist es. Mein Ex ging bereits in der Schwangerschaft. Aber ich habe immer versucht den Kontakt zwischen ihm und seinem Kind zu unterstützen. Er ist zwei tage die Woche mit ihm zusammen. Sie fahren gemeinsam in Uraub. Geburtstage des Kleinen feiern wir gemeinsam. Einschulung , Taufe das haben wir alles gemeinsam gemacht. Nicht unbedingt ohne schlechte Gedanken.
    Wir schreien uns auch mal an. Aber nie vor unserem Kind.
    Wenn ich ehrlich bin, hasse ich ihn für das was wir ihm wert waren. Nämlich nichts. Er hat noch eine Tochter und diese ebenfalls verlassen. Nun ist die nächste dran. Aber solange ich versuche kann, meinem Sohn zu zeigen wer seine Eltern sind, oma und Opa, woher die Nase kommt oder gewisse charakter züge, werde ich es tun.
    Kinder wollen von vielen Menschen geliebt werden. Dann fühlen sie sich sicher und geborgen.
    Mein neuer Partner ist sein bester Kumpel. Aber sein Das ist einfach sein Dad. In zwei Jahren steht die Kommunion an. Für mich der Horror aber für meinen Sohn Ein Tag an dem alle nur für ihn zusammen kommen.

    • Danke für Deinen Kommentar. Du machst das in meinen Augen ganz toll. Ich wünsche Dir viel Kraft für die weiteren Jahre! ♡

  7. Geliebtes Kind, ich denke, dass ich über die Jahre – wann immer Du mit mir darüber gesprochen hast – sehr gut verstanden habe, was Dich gequält hat und konnte Dir doch nicht helfen. Ich möchte Dir aber eines zu Deinem Text sagen: Du hast die seltene Gabe, Gefühle, Gedanken und Befindlichkeiten in die passenden Worte zu fassen und hoffe sehr, dass die, die Du mit Deinem Text ansprichst, sie in ihrem Herzen bewegen und sich ihren Kindern zuwenden.
    Mama

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