04 Jan

Empathie statt Schimpftiraden

Unsere Eltern saßen auf einer Picknickdecke direkt neben dem großen Sandkasten am Spielplatz und tranken ihren mitgebrachten Kaffee. Sie erzählten sich Erwachsenenkram und lachten viel. Meine Freundin Anni und ich saßen in unseren Matschhosen im Sand und arbeiteten an einer Burg. Annis Familie hatte keine eigenen Schaufeln oder Förmchen mitgebracht, und ich hatte teilen müssen. Das war mir schwer gefallen, aber jetzt half sie mir so gut, dass es sich schon besser anfühlte.

Mit einem kleinen Löffel formte ich gerade kleine Balkone und Eingänge auf meiner Seite, als Anni mit ihrer großen Schaufel darüber strich und alles wieder glättete. „Das soll so nicht!“ sagte sie. „Doch!“ entgegnete ich und formte neu. Sie warf aber wieder Sand darauf.

„Nein, das ist meine Seite!“ rief ich. „Streitet Euch doch nicht!“ verlangte mein Vater, schaute aber kaum zu uns herüber. Ehrgeizig begann ich zum dritten Mal, einen Balkon zu bauen – und Anni kippte erneut Sand darüber. Mein Kopf wurde heiß, meine Wut stieg hoch, aus dem Bauch in die Hand: ich haute ihr meinen Löffel fest auf die Stirn!

SCHIMPFEN…

Sofort eilten unsere Eltern heran. Annis Mama funkelte mich böse an und nahm ihre weinende Tochter in den Arm.

Meine Mutter baute sich vor mir auf. Ich hatte das Gefühl, sie war groß wie das Pferd an Sankt Martin. Mit einem Arm wies sie auf Anni, die von den anderen drei Erwachsenen bemitleidet wurde: „Schau Dir an, was Du gemacht hast! Mit Deiner besten Freundin! Spinnst Du? Einfach zu hauen. Ihr habt so nett gespielt, und Du musst das kaputt machen. Das nervt! Wir wollten uns einfach mal mit unseren Freunden treffen, aber es muss sich ja immer um Dich drehen!“ Sie schnappte mir alle meine Sandsachen weg und schob sie Anni hinüber.

Ich fühlte mich so alleine. Anni blinzelte kurz zu mir und schob dann ihr Kinn auf ihre Brust. Ich glaube, es war ihr unangenehm, dass alle bei ihr standen, aber sie konnte es nicht sagen. Ich brachte auch kein Wort heraus. Traurig drehte ich allen den Rücken zu und grub mit den Fingern weiter im Sand.

…ODER EMPATHISCH IN BEZIEHUNG GEHEN

Sofort eilten unsere Eltern heran. Annis Mama funkelte mich böse an und nahm ihre weinende Tochter in den Arm.

Meine Mutter vergewisserte sich, dass Anni nicht verletzt war, setzte sich zu mir herunter und nahm wahr, wie entsetzt ich selbst war. Sie schaute ein wenig genervt, seufzte „Ach, Ihr Zwei – und ich mit meinem ewig kalten Kaffee…“, hob aber einfach den Löffel auf, den ich fallen gelassen hatte, und nahm mit der anderen Hand eine von meinen Händen. Dann fragte sie: „Was ist passiert? Warum weint Deine Freundin?“ Ich konnte alle anderen um uns herum vergessen, ganz nah an ihr Ohr gehen und ihr erzählen, was passiert war. Sie begriff, strich mir über den Kopf und sah mir dann fest in die Augen: „Das haben wir nicht mitbekommen. Da hast Du Dich wohl hilflos gefühlt. Deshalb darfst Du Anni aber nicht wehtun. Das magst Du doch auch nicht. Dann ruf‘ uns oder komm herüber, wenn wir Kaffeequassler nicht reagieren. Wir helfen Dir!“

Wir drückten uns. Ich stand auf, ging zu Anni und pustete ihre Stirn. Mein Papa sagte, er möchte noch seinen Kuchen aufessen, schlug aber auch vor, dann zwei Burgen zu bauen. Er half mir schließlich mit meiner, und Anni baute eine ganz glatte mit ihrer Mami.

bindungstraeumesandkasten

Spürt Ihr als Leser den Unterschied, den das Kind spürt? Mich hat der Artikel „Warum ich nicht mehr mit meinen Kindern schimpfe (und du das auch nicht tun solltest)“ aus dem Blog www.unerzogenleben.com zu diesem kleinen Text inspiriert. Denn für mich war „Nicht Schimpfen, sondern in Beziehung gehen“ eine so bahnbrechende Entdeckung, die eigentlich so logisch und simpel ist, aber doch so weit weg von unseren allermeisten Alltagssituationen, dass ich es für notwendig erachtet habe, darauf aufmerksam zu machen.

Schaut mal genauer hin. Nein, ich schaffe das auch nicht immer, aber seit ich mir den Unterschied bewusst gemacht habe, was da anderes beim Kind ankommt, wie viel mehr an Positivem ohne Schimpfen beim Kind ankommt, gelingt es mir häufiger. 

Was haltet Ihr von einem „Versuch“?
Lasst Euch mal auf den Blogtext ein. Egal, dass oben drüber Unerzogen steht. Egal, dass es Euch vielleicht erschreckt, dass gleich im ersten Abschnitt ein Auto Thema ist, das von einem Kind etwas kaputt gemacht wurde, was Euch vielleicht das HB-Männchen in den Kopf treibt.

Lest den Text mal bis zum Ende. Es geht nur um Beziehung. Er hat mich sehr berührt, denn wir sind diesen Weg auch gegangen – sind eigentlich noch unterwegs. Ohne diese Lektüre sind wir da losgelaufen; dann las ich das vor einiger Zeit und musste ganz viel nicken und schlucken und fühlen und finde es sehr wahr.

„Soziales Lernen braucht viele, viele Jahre und viel Übung. Erklären und helfen ist dabei absolut wichtig.
Aber auch aus einem anderen Grund ist es wichtig, dass wir dem Kind unsere Rückmeldung geben: Wegen der Beziehung.
Hat dein Kind keine Chance, deine Werte kennenzulernen und was dir wichtig ist, kann es dich nicht kennen lernen. Schimpfen ist unpersönlich und bleibt auf allgemeiner Ebene. Unmut und Ärger ausdrücken ist Beziehung.“

UND NUN DER VERSUCH:
Probiert das mal einen Tag lang ganz bewusst. Nicht schimpfen. Immer in den Dialog gehen. Ich finde das Ergebnis unglaublich beeindruckend. 💚

IH

Ein Gedanke zu „Empathie statt Schimpftiraden

  1. Pingback: Was passierte, als ich einen Tag lang nicht mit meinen Kindern schimpfte - Nestling

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