28 Nov

Schreien verboten?

Wie oft lese ich oder höre es in Gesprächen, dass Eltern mit sich selbst hadern, weil sie in Gegenwart ihres Kindes geschrien haben. Sie sind unglücklich damit und möchten versuchen, bessere Wege zu finden und „nie wieder zu schreien“.

Immer auf Augenhöhe, leise, respektvoll, höflich, sanft – ein hohes Ziel! Ein gutes Ziel?

Die Nicht-Schreier

Drei Menschen fallen mir spontan an, die ich meiner Meinung und Erinnerung nach nie schreiend erlebt habe. Zwei davon sind Mütter, einer ein  Übungsleiter im Sportbereich. Schaut man dort genauer hin, sehe ich bei den zwei Müttern Frauen, die sehr geerdet sind, ihre Kinder nicht brechen möchten, sondern ihnen mit viel Achtung, Aufmerksamkeit und Respekt begegnen. Sie wünschen sich Harmonie. Aber: diese Frauen erlauben sich ihren Kinden gegenüber nie einen Gefühlsausbruch, sie vermeiden spontane, heftige Emotionen sogar, sind ewig um Kontrolliertheit bemüht. Mit Druck gegen sich selbst. Der kommt erst heraus, wenn die Kindern nicht mehr zugegen sind: dann spüren sie Verzweiflung, Anstrengung, Unsicherheit, Traurigkeit – dann spüren sie sich selbst, erlauben sich Schwäche.

Der Effekt

Wie ist das für die Kinder? So wie ich das erlebt habe, sind diese Kinder entweder sehr ruhig, eher zurückgezogen, trauen sich auch nicht, ihre Emotionen herauszulassen, fressen anscheinend eher viel in sich hinein – oder sie können nicht erkennen, wo ihre Eltern (oder andere) ihre Grenzen haben, eigene Bedürfnisse hätten, und übergehen die Grenzen ständig.

Beides halte ich für ungut. Meiner Meinung nach ist es unermesslich wichtig, dass die Kinder lernen, wer ihre Eltern sind, was diese fühlen, was ihnen zu weit geht. Und dass sie lernen, wie man mit allen Emotionen von A bis Z umgeht, sie der Außenwelt in akzeptabler Weise zeigt, sie in gute Worte packt – nicht vergräbt und unter Umständen darunter leidet. Ewige Kontrolle und Vermeidung sind nicht hilfreich. Sind die Eltern eher ruhige Menschen, werden sie ihre Emotionen eher ruhig vorbringen können, aber sind sie eher impulsive Typen, kann auch ein unverstelltes Schreien dazugehören, ohne dass es ein Weltuntergang ist. Ist man in guter Beziehung zueinander, ist die Basis da, die das aushält. Man kennt sich und versteht es als Ausdruck, nicht als Angriff. Noch dazu kann man es nach Glättung der Wogen stets ansprechen und erklären.

Das fiese Nichtschreien

Und der niemals schreiende Übungsleiter (der auch einfach ein Elternteil sein könnte)? Der hat mich zugegebenermaßen erstmal beeindruckt: alle Kinder waren bemüht, ihm zuzuhören, wenn er sprach. Er tat dabei das Gegenteil von Brüllen: er flüsterte fast. Und wirklich nie, nie wurde er laut. Doch über die Zeit realisierte ich, was das eigentlich für eine perfide Art war, fast eine Art Bestrafung und auf jeden Fall sehr kinderfern ud beziehunslos. Nur wer sofort leise war und zuhörte, wusste, was als nächstes anstand. Wer jauchzte, spielte, „im Flow war“, wurde nicht abgeholt, nicht zu Gunsten von Gruppe oder Training anleitend zurück ins Geschehen gebracht. Er blieb ohne Hilfe, sich selbst überlassen. Er wurde bestraft, denn er wusste nicht, was kam, und fühlte sich außerdem außen vorgelassen.

Die Kinder parierten einfach aus Sorge; es war kein Miteinander aus Respekt. Oder sie machten teilweise ihr Single-Ding, gruppenfern – zeigten also ihrerseits auch keinen Respekt.

Ein bisschen Inbeziehunggehen hätte helfen können. Ein bisschen Co-Regulation im Sinne der Gruppentätigkeit hätte genügt. Ruhig auch mal durch einen Schrei. Laut ist nicht gleich böse. Man merkt einfach sofort, was los ist, spürt die anderen und hat auch die Gelegenheit, sich zu äußern: „Einmal noch, dann komme ich.“ – „Wieso schon? Können wir nicht vielleicht 5 Minuten länger xy machen? Es läuft heute so gut.“

Nein. Kommunikation fiel aus. – Das hätte natürlich auch mit einem schreienden Trainer passieren können, aber dieses absolute Nichtschreien in Form von Halbflüstern war so emotionslos, so „unmenschlich“ und unkommunikativ, dass ich es hier als passendes Beispiel sehe.

Und nun?

Schreien ist also doch okay? Was ist mit dem Foto auf dem geschriene Wörter ein weinendes Kind im Würgegriff halten – ist das falsch und übertrieben?

Nein, natürlich nicht. Wenn Schreien Normalität ist um der Lautstärke wegen und um Gegenrede und Zuhören unmöglich zu machen, ist es verkehrt. Dann läuft etwas schief. Es  fehlen Kommunikation, Beziehung, Gesehenwerden. Es haben sich schlechte Abläufe eingeschlichen.

Dort gilt es innezuhalten, hinzusehen und anders weiterzumachen. Reden, sich erklären, Kompromisse finden und miteinander festlegen. Hinhören, einfühlen, gemeinsam weitergehen. Nicht einfach nur schreien und schimpfen. In Beziehung und auf Augenhöhe emotional sein: lachen, weinen, erzählen, mitfühlen – und auch toben, stampfen, wüten, brüllen. Das ganze Repertoire. Für alle Beteiligten!

IH

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