13 Okt

Leonora Leitl: „Einmal wirst Du“

Wenn unsere Kinder klein sind, sind wir dicht an ihnen dran und haben viel Zeit und Gelegenheit, sie zu beobachten, mit ihnen zu sprechen und mitzubekommen, was bei ihnen so los ist. Der 500 m lange Heimweg vom Kindergarten dauert 2 Stunden, das Schnibbeln und Kochen mit ihnen fürs Mittagessen erst recht, der Rundgang durch Omas Garten auch – und sowieso die abendliche Einschlafbegleitung.

Da erfahren wir viel, können fragen oder von uns erzählen. Aber wenn unsere Kinder größer werden, werden solche Momente seltener. Sie sind selbständiger unterwegs, die gemeinsame Zeit schrumpft. Dabei ist es immer wichtig, in Kontakt zu bleiben und zu wissen, was beim anderen Thema ist.

Rituale können helfen. Das gemeinsame Abendessen, bei dem jeder zu Wort kommt und angehört wird, der begleitete Fußweg zum Handballtraining jeden Mittwoch, das Gespräch an der Bettkante jeden Abend – und eine schöne Gelegenheit zum Austausch bleibt auch lange das gemeinsame Anschauen von Zeitschriften oder Büchern, egal zu welchem Thema.

Wirst Du einmal Wunder vollbringen?

Habt Ihr das schon ausprobiert? Das kann ein Foto lastiges Magazin sein, ein Buch mit Geschichtsbezügen oder Reiseberichten, und es kann auch ein Buch sein wie Leonora Leitls wunderschön illustriertes Werk „Einmal wirst Du…“ (Tyrolia-Verlag). Anhand der großartigen Bild-Text-Kombinationen mit zahlreichen Fragen kommt man miteinander ins Gespräch, manchmal über Themen, die im Allgemeinen nicht so auf das Tapet gebracht werden.

Ich habe das Buch mit meiner 13-jährigen Tochter genossen und einige schöne Momente erlebt. Zunächst nutzte sie es wie ein typisches Kleinkinderbuch, suchte auf den verschiedenen Seiten wieder auftauchende gleiche Figuren, beachtete vor allem die Tiere, bemerkte dann immer mehr Details. Und wir kamen ins Reden über Freunde, Klassenkameraden, Träume und Werte, Witze, Politik, Schule und Beruf. Wir fanden Verbindendes, schwiegen aber auch miteinander in nachdenklichen Situationen.

Ist es gut, viele Freundinnen und Freunde zu haben?

Ist es besser, dick oder dünn zu sein?

Machen Kleider wirklich Leute?

Gibt es Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt?

 

Ihre Sicht sehen

Besonders bewegt hat mich, als sie sagte, der traurigste Tag in ihrem Leben wird sicher der sein, an dem sie mich verlieren wird. Und in Erinnerung geblieben ist mir ebenso ihre Antwort auf die Frage, ob man auch mit wenig glücklich sein könne: „Ja, klar! Mir zum Beispiel würde EINE Katze schon reichen.“

Aber ich mochte auch ihre Äußerungen über die Kämpfe, die sie für sich so im Leben führen muss, sowie über die Träume, die in ihrem Herzen schlummern, denn das war mir davor gar nicht so klar.

Ich werde das Buch sicher öfter mal hervor holen und auf jeden Fall auch mit meinen anderen beiden Kindern anschauen. Für Bindungsträumer auf der Suche nach innigen Momenten in guter Beziehung eine dicke Enpfehlung!