27 Jan

Belohnungssysteme gegen Wutausbrüche – Deckel drauf und gut?

Hin und wieder begegnet mir die Fragestellung verzweifelter Eltern, ob Belohnungssysteme ihnen wohl dabei helfen könnten, die emotionalen Ausbrüche ihrer Kinder in den Griff zu bekommen.

Mal abgesehen von dem „Nein“, das dann sofort in meinem Kopf auftaucht, habe ich mir dazu folgende Gedanken gemacht:

Ich habe in letzter Zeit so viele Erwachsene kennengelernt, die nicht sagen können, was sie brauchen, und nicht gut formulieren können, was sie fühlen. Dies gilt besonders in Bezug auf sogenannte negative Emotionen wie Wut oder Unmut, Unzufriedenheit oder Traurigkeit.
Wenn ich das bedenke, halte ich es für extrem wichtig, dass wir den heutigen Kindern unumwunden zeigen und erlauben, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und ihre Emotionen rauszulassen. Sie müssen es lernen; wir dürfen das nicht mit abgesagten Spielplatzbesuchen und Eisbechern deckeln und nicht mit Aufklebern, Sternchen und Stempeln abwürgen!

Das heißt nicht, dass meine Kinder andere psychisch oder physisch verletzen und Spielsachen oder Möbel in einem Wutanfall munter schrotten dürfen und wir dann trotzdem fröhlich im Alltag so weitermachen wie geplant. Aber ich würde den Teufel tun und dann eine tolle, geplante Sache absagen und uns damit allen noch ins Fleisch schneiden.

Foto: Eva Chandler

Wir reden in so einem Fall: Was hat zu der Verletzung geführt und wieso? Was hätte anders laufen können? Inwiefern waren die Begleitumstände unglücklich und die anderen Personen involviert? Wie kann man mit demjenigen umgehen, der vielleicht verletzt wurde, und wieso fühlt er sich so? Wie kann etwas Kaputtes repariert oder ersetzt werden? Und wer braucht jetzt erstmal eine Umarmung, ein kühles Wasser, eine Wärmflasche oder ein Eis? Und wenn wir da durch sind, läuft der Tag wie geplant weiter.

Dieser Umgang mit unglücklichen Wutausbrüchen, zu lautstarken Trauerbekundungen oder zu heftigen Geschwisterstreitigkeiten gibt den Kindern Worte für ihre Gefühle, zeigt ihnen, dass sie nicht „verkehrt“ sind, und dass das alles zum Emotionsrepertoire dazugehört. Sie erleben, wie man damit umgehen kann, gemeinsam, auch wenn man schon übers Ziel hinausgeschossen ist und etwas zu Bruch ging oder fiese Worte fielen. Sie fühlen sich trotzdem noch geliebt und zu Hause – schlecht fühlen sie sich sicherlich von ganz alleine tief in sich drin, da müssen wir Eltern nicht auch noch zu beitragen!

Noch ein Gedanke zum Schluss:
Jeder versteht, dass man ein Kind nicht bestraft / belohnt, das noch nicht laufen kann, weil es noch nicht fähig dazu ist.
Die meisten verstehen sogar noch, dass man ein Kind nicht belohnt / bestraft, das noch nicht zur Toilette gehen kann, weil es noch nicht fähig dazu ist.
Aber die wenigsten verstehen, dass ein Kind nicht belohnt / bestraft werden kann, wenn es seine Emotionen nicht regulieren kann, weil es eben noch nicht fähig dazu ist. Das sollte so nicht sein.

Die Kinder brauchen unsere intensive, begleitende Hilfe, um diesen Entwicklungsschritt der Gefühlsregulierung zu gehen, nicht um ihn auszulassen und für immer wegzupacken.

IH

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